Retter des musikalischen Erbe: Das Orquesta Escuela de Tango Emilio Balcarce

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Orquesta Escuela Emilio Balcarce

Orquesta Escuela de Tango Emilio Balcarce en el Teatro Colon 2009


In einer Schlüsselszene des Dokumentarfilms „Si sos brujo“ über das Orquesta Escuela de Tango Emilio Balcarce (OETEB) sitzen Ignacio Varchausky und Ramiro Gallo vor einem Plattenspieler und diskutieren  wie die Orchester der Época d`Oro und z.B. die Gruppe der Geiger genau gespielt haben, aber sie kommen nicht so recht weiter. Sie sind Musikstudenten und ihr Problem ist, dass der real gespielte Tango sich lebendiger und ausdrucksstärker anhört als die Notation der Partituren zeigt. Deshalb lauschen sie und versuchen zu analysieren, was die Musiker in den glänzenden Zeiten des Tango wie gemacht haben.
Wo genau liegt die Betonung in einem Takt, wo und warum wird eine Note einfach kürzer gespielt, wie kommt die spezifische rythmische Struktur zustande. Akzente, Nuancen der tangotypischen „expresión porteña“ sind zum großen Teil weitergegebene Erfahrung. Es ist ein lebendiger Schatz, der verlorengeht, wenn man ihn nicht pflegt. Aber die alten Meister, die das können wurden weniger. Viele waren auch nicht mehr als Musiker gefragt, weil das Interesse des Publikums fehlte.

Der Dokumentarfilm von Caroline Neal erschien 2005.

Varchausky und seine Freunde fürchteten, dass die nicht notierten Erfahrungen der Altmeister verloren gehen. Sie fürchteten um das Erbe des Tango, der zu jenen Zeiten noch nicht zu einem Teil des Weltkulturerbes erklärt worden war. Es ist das Jahr 2000 und der Tango als Musica Popular beginnt sich nach einer langen Phase des Niedergangs und des Abgangs in die akademische Musik wieder zu regen. Als Tanz war er schon wieder da, griff aber ausschließlich auf die Musik der alten Meister zurück. Es gab auch kaum tanzbares Neues.

Varchausky konnte schließlich Maestro Emilio Balcarce dafür gewinnen, die Tricks und die Kniffe der Altmeister den Studenten des neu geformten Orchesters beizubringen. Balcarce war ein Musiker mit breiter Erfahrung und vielen Erfolgen. Er arbeitete als Arrangeur und Komponist für Troilo und Pugliese, um nur die bekanntesten Orchesterleiter zu nennen, stellte mehrfach eigene Orchester zusammen, war lange Zeit zweiter Geiger bei Pugliese, spielte aber auch schon als Kind Bandoneon. Bevor er sich Anfang der 90er Jahre nach Patagonien, Neoquen, zurückzog war er noch sehr erfolgreich mit dem Sexteto Tango. Varchausky reaktivierte Emilio Balcarce und in zunächst zweijährigen Kursen vermittelte Balcarce den Schülern des Orchesters die oral überlieferten und nur im konkreten Zusammenspiel erlernbaren Kniffe und Fähigkeiten der großen Tangoorchester.

Das Orquesta Escuela de Tango Emilio Balcarce wurde im Jahr 2000 mit Unterstützung der  Stadt Buenos Aires gegründet. Ziel ist, dass die Studierenden die wichtigsten Stile der erfolgreichen Orquestas aus den 40er und 50er Jahren erlernen und internalisieren können. Ein zentrales Element ist dabei die direkte Weitergabe im praktischen Musizieren mit den Altmeistern, um die orale Tradition zu sichern, weitertragen und weiter entwickeln zu können.  Zahlreiche Gastdozenten wurden immer wieder einbezogen wie z.B. José Libertella oder Victor Lavallén, Horacio Salgan, Julian Plaza und viele andere. Balcarce, geboren am 22. Februar 1918, verstarb am 19.Januar 2011. Heute wird seine Arbeit weitergeführt von Victor Lavallén als musikalischem Direktor und Ignacio Varchausky als künstlerischem Leiter.
Seit 2000 wurden bisher 15 zweijährige Studiengänge organisiert. „Mehr als 300 Musiker aus Argentinien und vielen anderen Ländern haben wir in den letzten Jahren mit den Feinheiten des Tangomusizierens vertraut gemacht. So haben wir mehr als 300 neue Kollegen gewonnen, die den Tango mit einer profunden Ausbildung spielen und weitertragen“, sagte Ignacio Varchausky am 7.3. 2021 anlässlich eines Konzertes des OETEB im Teatro Colon.

Das OETEB ist eine wichtige Brücke zwischen der Tradition des Tango und seinen heutigen Weiterentwicklungen. Die meisten der heute aktiven Musiker betonen wie bedeutend die traditionellen Tangos für sie sind. Manche wie etwa Tape Rubin sagen, es gab vermutlich keine besseren Tangos als in den Hochzeiten des traditionellen Tangos. So gesehen kann die Rolle des OETEB nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das Orquesta gehört zu den anerkannten Bewahrern des musikalischen Erbes und ermöglicht so eine kontinuierliche Weiterentwicklung des zeitgenössischen Tango. Das OETEB fungiert als Brücke zwischen Tradition und Moderne. Es ist eine Institution für die musikalische Entwicklung und Kontinuität des Tango.

Aus der Arbeit des OETEB sind vier Alben hervorgegangen:
+ De contrapunto (2000)
+ Bien compadre (2004)
+ Mistonguero (2013)
+ Gobbi Inedito (2018)

Dozenten sind aktuell (2021)
+ Geige: Guillermo Rubino
+ Bandoneon Ramiro Boero
+ Klavier: Cristian Asato
+ Kontrabass: Patricio Cotella

Koordination: Ana Di Toro
Künstlerische Leitung: Ignacio Varchausky
Musikalischer Direktor: Víctor Lavallén

Zum nahenden 100.ten Geburtstag von Astor Piazolla (11.März 1921 bis 4. Juli 1992) spielt das Orquesta Escuela de Tango Emilio Balcarce im wunderbaren Teatro Colon, einem der berühmtesten Theater der Welt, zwei Konzerte mit unterschiedlichen Themen:
+ Sonntag, 7.3.: Piazzolla antes Piazzolla. Das Orchester von 1946.
Hier geht es um die Zeit als Piazzolla noch Arrangeur und Komponist für die Gruppen der Epoca d`Oro war wie z.B. bei Troilo oder Fiorentino und vor allem um sein erstes eigenes Orquesta Tipica, welches von 1946 bis 1949 existierte. Als Gäste zu diesem Konzert sind auch Susana Rinaldi und das Trio Lavallén-Estigarriba-Cabarcos eingeladen.
+ Sonntag, 14.3.: Concierto didactico: El estilo de Piazzola del`46 mit dem OETEB.

Die guten Nachrichten:
+ die Konzerte werden per Livestream übertragen: https:teatrocolon.org.ar/es/en-vivo.!
+ Die Übertragungen sind gratis!
+ Die Konzerte beginnen um 21.00 mitteleuropäischer Zeit!

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