Piazzolla 100: Die Sicht von drei renommierten Komponistinnen

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Von Vanina Steiner,
Chefredakteurin der führenden Tangozeitschrift Argentiniens Tinta Roja (TR).

Dieses Jahr feiern wir den hundertsten Geburtstag eines der wichtigsten Vertreter der argentinischen  Kultur: den großen Komponisten und Bandoneón-Interpreten Ástor Piazzolla. Am 11. März 1921 wurde er in der Stadt Mar del Plata, Argentinien, geboren. Er wurde eine der herausragendsten Persönlichkeiten des Tango, dessen Werk über das Genre hinauswies und den Tango Argentiniens in alle Ecken der Welt verbrachte. Anlässlich dieses Jubiläums sprachen wir über das Werk des großen Maestros mit drei wichtigen Komponistinnen des aktuellen Tango: María Laura Antonelli, Elbi Olalla und Noelia Sinkunas.

TR: Wenn ich “Piazzolla” sage, was kommt Dir zuerst in den Sinn?

María Laura Antonelli: Ich denke an einen außerordentlichen Bandoneón-Interpreten, jedoch vor allem an einen großen Künstler, einen scharfsinnigen, mutigen Komponisten und einen Provokateur.

Elbi Olalla: Ich denke an Erneuerung, Avantgarde. Bruch? Jedoch im Einklang mit den Wurzeln.                                                                                                                                                                                           
Noelia Sinkunas: Mein erstes Live-Konzert kommt mir in den Sinn, in einer Tangobar meiner Stadt (Berisso), als ich 15 war. Mein Papá, der Gitarrist ist, hatte mich mitgenommen, und es gab einen Pianisten, der mich fragte, ob ich spielen wollte. Aus dem Konservatorium kannte ich das Lied „S.V.P“.

TR: Gibt es etwas aus seinem Werk, das Dich in Deiner Arbeit als Komponistin beeinflusst hat?

María Laura Antonelli: Ja. Was mich von Piazzolla als Komponistin beeinflusst hat – seit ich ihn in meiner Jugend gehört hatte – war diese Suche nach Identität, mit der er, unter anderem, die Grenzen zwischen akademischer und populärer Musik demontiert hat: er hat der argentinischen Musik des 20.Jh. Kraft und Projektion injiziert und die nachfolgenden Generationen in allen Disziplinen befruchtet. Da er sich selbst treu blieb, erlaubte ihm seine Suche, eine Stimme auf feindlichem Boden zu formen, und letztendlich den konservativen Angriffen aus einer soliden ästhetischen Position heraus zu begegnen.

Elbi Olalla: Es ist unmöglich, meine Generation ohne Piazzolla zu denken, die andererseits mit den Einflüssen Jobims und der brasilianischen Musik, dem Jazz, Charly García, dem Rock bis hin zur elektronischen Musik verbunden ist, die in den 60er und 70er Jahren koexistierten. Ich kann mich unmöglich denken ohne sie (sic) und ohne Beethoven, Bach oder Mahler; oder Gardel. Ich weiß schon gar nicht mehr, ob es da Beeinflussung gibt oder nicht, sie sind Teil meines Lebens soweit ich denken kann.

Noelia Sinkunas: Ich habe mich immer mit der Fusion von populärer Musik und der akademischen Musik identifizieren können. Diese Trennung in Musiksparten habe ich nie verstehen können, und dieser Aspekt seines (Piazzollas, Anm.d.Üs.) Vermächtnisses hat mich sehr geprägt.

TR: Nenne mir fünf Deiner Lieblingsstücke von Ástor.

María Laura Antonelli: Unter den Stücken, die mir am meisten gefallen ist Fuga nueveCalambreLas estaciones porteñasTriunfalChau París, aus den vielen Werken seiner unterschiedlichen Schaffensphasen.

Elbi Olalla: Milonga del ángelEscualoMilonga del trovadorLa camorra (die ganze CD), La suite troileana. Wie schwer ist es, sich zu entscheiden!. 

Noelia Sinkunas: Adiós NoninoLas cuatro estaciones porteñas, die mit Borges zusammen komponierten Milongas (Jacinto ChiclanaA Don Nicanor Paredes), El gordo triste (mit dem Polaco Goyeneche) unter anderem.

TR: An Piazzolla erinnern wir uns hauptsächlich wegen…

María Laura Antonelli: Vielleicht erinnern wir uns hauptsächlich an ihn, weil er mit dem Mythos gebrochen hat, dass der Tango mit den 40er Jahren zu Ende ginge. Das Interessanteste ist, glaube ich, dass er sich getraut hat, weiter als alle jene zu gehen, die ihn ausgegrenzt haben, weil seine Musik nicht in das Korsett der Milongas oder der Tanzsalons passte, wo der Tango bereits in einer Vitrine eingesperrt war.

Piazzolla ist auf dem unbequemen Grat der Avantgarde gewandert – dafür, dass ein folkloristisches Erbe so konservativ ist – und hat bezüglich der Traditionen des Río de la Plata Fragen aufgeworfen. Es hat ihm Nichts ausgemacht. Er ging am Rande der Identitätsfindung entlang, bis er sie in seine zeitgenössische Welt ohne Zugeständnisse hinübertragen konnte. Dann erst hat der Tango sich geöffnet.  Das ist, glaube ich, hinzukommend zum Tiefgang seiner Kunst, das Wertvollste.

Elbi Olalla: …seines Wagemuts.

Noelia Sinkunas: …, weil er in der Musik eine eigene Persönlichkeit pflegte; weil er die rhythmischen Strukturen des Genres (des Tangos, Anm.d.Üs.) systematisiert hat, sowie die Fusion des Jazz, Tango und der akademischen Musik.

María Laura Antonelli ist Pianistin, Komponistin und Dozentin. Sie lebt in Buenos Aires. Sie hat an Improvisationsprojekten teilgenommen und in unterschiedlichen Formationen Arrangements und Kompositionen mitgestaltet, von Duos bis hin zu den „Orquestas Típicas“. 2018 veröffentlichte sie als Solistin die Werke Argentígena, piano tango & electroacústica, reine Instrumentalstücke aus ihrer eigenen Feder. Infernadero hat sie für das Landesorchester für argentinische Musik Juan de Dios Filiberto selbst geschrieben und inszeniert. Es wurde im “blauen Wal” des CCK (Centro Cultural Kirchner) 2019 uraufgeführt. Sie ist Dozentin am Konservatorium der Stadt Buenos Aires „Ástor Piazzolla“ und im Konservatorium Manuel de Falla, wo sie 2019 die Koordinierung des Komponisten-Ateliers übernahm

Foto: Cristina Arriagada


Elbi Olalla
ist Pianistin, Komponistin und Dozentin, aus Mendoza. Derzeit lebt sie in Barcelona. Sie ist Mitbegründerin der Gruppe “Altertango” aus Mendoza, mit der sie mehrere gemeinsame Aufnahmen veröffentlicht hat. Sie spielt in unterschiedlichen Formationen mit, wie zum Beispiel im Duo mit Josefina Rozenwasser oder Alejandro Guyot. Vor kurzem präsentierte sie als Solistin das Album Canciones paulatinas.

Foto: Giuliana Godino


Noelia Sinkunas ist Pianistin, Komponistin und Dozentin, aus Berisso in der Provinz Buenos Aires. Sie lebt heute in der Hauptstadt Buenos Aires und spielt in unterschiedlichen Bands, wie „Alto Bondi“ (Tango) und „Cachitas Now!“ (Cumbia) und begleitet wichtige Künstler*innen wie Julieta Laso oder Hernán Castiello. Ihre zwei solistischen Alben sind Escenas de la nada mirar und New York Sessions.

Foto: Meli Lobos

Dieses Interview erschien zuerst bei Tinta Roja – Revista de Tango:
https://www.tintaroja-tango.com.ar/astor-piazzolla-100-anos/?fbclid=IwAR2W3wrwtxl-x0o6-hIufXBpnY2Vgojak7K7oOJB8aoFF1i9HIv0B6c_bxA
Übersetzung: Stela Popescu-Böttger

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