Hugo Mastrolorenzo präsentiert „FRIKI Tango?“

Friki Tango - Hugo Mastrolorenzo

Im Universum des zeitgenössischen Tangos verbinden nur wenige Persönlichkeiten akademische Forschung, Schreiben und Bühnenpraxis so selbstverständlich wie Hugo Mastrolorenzo. Als Autor zahlreicher Bücher über Bewegung und Tanz beschäftigt sich seine Arbeit seit Jahren mit den Grenzen des Tangos als künstlerischer Sprache und sucht jenseits etablierter Formen nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten.

Mit FRIKI Tango? präsentiert Mastrolorenzo ein Werk, das sich nur schwer einordnen lässt: eine Verbindung aus Theater, Musik, Tanz und Performance, inspiriert von der Welt des Freak-Zirkus, um über Identität, Marginalität und die menschliche Existenz nachzudenken. Fernab klassischer Erzählformen oder traditioneller Tango-Shows eröffnet das Stück einen ambivalenten Raum, in dem Kategorien ihre Bedeutung verlieren.

Im folgenden Gespräch spricht der Künstler über die konzeptionellen Ursprünge der Produktion, die Verbindung zwischen Forschung und Dramaturgie, die Rolle der Live-Musik gemeinsam mit Juan Di Pasquale sowie über die Suche nach einer Bühnenerfahrung, die sowohl den Intellekt als auch den Körper des Publikums anspricht.


Hugo, bereits der Titel der Produktion ist eine klare Aussage: „FRIKI Tango“. Aus welcher konzeptionellen Perspektive hast du dieses Werk entwickelt?

Der Ausgangspunkt dieser Arbeit sind Figuren aus dem Freak-Zirkus: der Elefantenmensch, die bärtige Frau, der Hypnotiseur und sogar erfundene Figuren wie ein ehemals siamesischer, kopfloser Zwilling. Doch letztlich dient dies als deutlicher Vorwand, um über die heutige Gesellschaft und die tiefsten, schonungslosesten Seiten des Menschen zu sprechen.


Das Stück beschreibt sich selbst als „kein Theater, keine Musik, kein Tanz, kein Tango“. Diese Verneinung traditioneller Kategorien scheint eine schwer einzuordnende Bühnenidentität vorzuschlagen. War es eine bewusste Entscheidung, ein Werk zu schaffen, das genau in diesem ambivalenten Raum existiert?

Ganz im Gegenteil: Aus einer ehrlichen, freien Suche und dem Wunsch, sich endlich ohne einschränkende Etiketten zu bewegen, entstand diese Art von „DE-GENERIERTEM“ Werk. Es gibt Momente mit Musikern, die „keine Musik spielen“ – was automatisch die Frage aufwirft, was Musik überhaupt ist –, Gesangsszenen ohne Münder, getanzte Texte und Tänze, die mehr bewegen wollen als nur den Körper.

Diese Erfahrung des „NICHT SEINS“ existierte allerdings schon vorher. Mir wurde bewusst, dass das, was wir im Tango-Kontext machten, für die Tangowelt kein Tango war; für die Theaterwelt war es kein Theater usw. Zusammengefasst: Für jedes spezifische Milieu war es etwas anderes. Daraus entstand die Idee des „NICHT IST“, um das zu benennen, was wir tun.

Friki Tango - Hugo Mastrolorenzo
Friki Tango – Hugo Mastrolorenzo

Du hast eine lange Laufbahn als Forscher und Autor von Büchern über Tanz. Wie steht deine theoretische Arbeit in Beziehung zu deiner Bühnenpraxis in diesem konkreten Fall?

Mehr als ein Dialog ist sie ein zentraler Bestandteil des Librettos. Ich bin der Dramaturg des Stücks, daher gehen Schreiben und Forschung in jeder Komposition Hand in Hand: das Studium der Freak-Zirkus-Figuren, ihrer Biografien, ihres historischen Kontextes usw.
Das Werk entstand zunächst als Libretto – allerdings ergänzt durch Zeichnungen, Audioaufnahmen und vieles mehr. Es ist eine Art multiversales Libretto: Zeichnungen, Texte, Tonmaterial, Stoffe, Kostüme, Objekte und zahlreiche andere Elemente, die sich fließend aus den verschiedenen künstlerischen Bereichen zusammensetzen, die ich im Laufe meines Weges erkundet habe.


Die Live-Musik spielt eine wichtige Rolle, mit Juan Di Pasquale als musikalischem Leiter. Wie treten Tanz und Musik in „Friki“ miteinander in Dialog? Hat sich die Arbeit mit Musikalität im Vergleich zu traditionelleren Tangoformen verändert?

Im Tango gibt es im Allgemeinen selten Werke im eigentlichen Sinn; meist handelt es sich um Shows mit voneinander unabhängigen Nummern, die nicht von einer Dramaturgie getragen werden.

In diesem Fall ist die Musik ein tragendes Element der Arbeit. Sie erschafft teilweise filmische Atmosphären, tritt manchmal in Verbindung mit Tanz oder Gesang auf und wird in anderen Momenten selbst zum Symbol.

Auch die Auswahl der Musiker und Instrumente war entscheidend. Es handelt sich um ein Quartett mit den klassischen Instrumenten Klavier, Bandoneon und Kontrabass. Die eigentliche Veränderung bringt jedoch die Klarinette, die der Zirkuswelt ihre besondere Klangfarbe verleiht: mal humorvoll, mal sinnlich, mal geprägt von der rauen Melancholie des Vergessens.

Hugo Mastrolorenzo

Zum Abschluss: Was möchtest du, dass das Publikum nach dem Besuch von „Friki“ mitnimmt? Welche Erfahrung oder Empfindung soll im Körper der Zuschauer zurückbleiben?

Eine kathartische Erfahrung, die uns dazu bringt, uns selbst neu zu überdenken: wie ein Kind – oder ein Erwachsener –, das zum ersten Mal in den Zirkus geht und beim Entdecken einer Welt, die ihm immer schon vertraut war, sich selbst in der Grimasse von Lachen oder Weinen wiederfindet – zwei Ausdrucksformen, die manchmal gar nicht so verschieden sind.


FRIKI Tango?


Technische und künstlerische Angaben

  • Darsteller:innen: Hugo Mastrolorenzo, Ángeles Vélez
  • Live-Musik: Juan Di Pasquale, Tomás Muir, Joaquín Sterman, Diego Vasquez
  • Musikalische Leitung: Juan Di Pasquale
  • Gesamtleitung: Hugo Mastrolorenzo
  • Dauer: 75 Minuten
  • Kategorien: Tanz, Live-Veranstaltung, Erwachsene
  • Ort: AREA 623, Pasco 62, Buennos Aires
  • Website: www.area623.com.ar
  • Eintritt: AR$ 25.000
  • Vorstellungen: Mittwochs, 20:30 Uhr
  • Zeitraum: vom 06.05.2026 bis 27.05.2026

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