Tango ist eine Art, mit der Erinnerungumzugehen

Mit Nontango hat Mariano Godoy eines der interessantesten Tangoalben des Jahres 2025 vorgelegt. Entgegen dem Titel bewegt er sich darin keineswegs vom Tango weg, sondern lotet vielmehr die Grenzen des Genres aus.

Kurz vor seiner Europatournee, die ihn unter anderem nach Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland und Schweden führen soll, spricht Godoy mit Tango21.info über seine Beziehung zur Musik, sein neues Album und die Erfindung der „Bandólica“ – eines neuartigen Instruments, das als Weiterentwicklung des Bandoneons verstanden werden kann. Am 9. Oktober wird er im legendären Privatclub in Berlin auftreten. Außerdem ist die Veröffentlichung seines Albums auf Vinyl geplant.

In Godoys Musik treffen das Bandoneon, der gesungene Tango, unterschiedliche Strömungen des Indie und die Lust am Experimentieren mit neuen Klangwelten aufeinander. Dabei sind auch Einflüsse der internationalen Musikszene zu hören. Godoy ist bereits gemeinsam mit Künstlern wie Toquinho, Loreena McKennitt und Aurora aufgetreten.

Seine Arbeit wirft grundlegende Fragen nach der heutigen Identität des Tangos und seinem Dialog mit zeitgenössischen musikalischen Ausdrucksformen auf. „Der Tango braucht keine Wächter“, betont der Musiker immer wieder.


Musik ist auch eine Form der Begegnung sein

Tango21: Wie bist du zum Tango gekommen?

Mariano Godoy: Durch meine Großmutter. Nach der Schule ging ich immer zu ihr, und wir verbrachten viele Stunden miteinander. Als ich anfing, Gitarre zu spielen, kaufte sie mir ein Buch mit Tangos, damit ich sie beim Singen begleiten konnte.

Ich glaube, damals entdeckte ich etwas, das für mich sehr wichtig werden sollte: Musik konnte auch eine Form der Begegnung sein – eine Umarmung, die ich jemandem schenken wollte.

Später war es ebenfalls meine Großmutter, die mir mein erstes Bandoneon schenkte, ein Doble A.

Mariano Godoy
Mariano Godoy

Was hat dich dazu bewogen, diesen musikalischen Weg weiterzugehen?

Ich glaube, der Tango ist für mich eine Art, das Leben zu verstehen. Lange Zeit habe ich mich ein wenig gegen diese Vorstellung gewehrt.

Ich habe andere Instrumente studiert und ausprobiert, ganz unterschiedliche Musik gespielt und sogar das Bandoneon bis an seine Grenzen getrieben, seinen Klang verzerrt und mit neuen Spieltechniken experimentiert.

Aber irgendwie bin ich hinter all dem immer wieder auf den Tango gestoßen.

Im Laufe der Jahre habe ich verstanden, dass der Tango nicht einfach nur ein Musikgenre ist. Er ist vielmehr eine Art, die Welt zu betrachten, mit der Erinnerung umzugehen, mit der Zeit, der Nostalgie, aber auch mit der Lebensfreude und dem Feiern.

Irgendwann habe ich aufgehört, mich dagegen zu wehren, und begonnen, mich immer intensiver damit auseinanderzusetzen.


Der Tango ist aus der Begegnung unterschiedlicher Kulturen entstanden

Wie kam es zu deinem Bedürfnis, den Tango mit anderen Musikgenres zu verbinden?

Eigentlich habe ich das nie als eine bewusste Suche empfunden. Der Tango ist von Natur aus das Ergebnis der Begegnung unterschiedlicher Kulturen und musikalischer Traditionen. Er ist aus dieser Vermischung entstanden.

Manchmal betrachten wir die Conventillos, jene Mietskasernen, in denen einst Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenlebten, wie ein nostalgisches Bild aus der Vergangenheit. Ich glaube jedoch, dass es sie im übertragenen Sinne noch immer gibt – nur in anderer Form.

Vielleicht findet man sie heute an einer Straßenecke in Buenos Aires, wo Arbeiter verschiedener Nationalitäten ihre Geschichten miteinander teilen. Oder in den Gängen eines Supermarkts, wo unterschiedliche Sprachen, Gewohnheiten und Weltanschauungen aufeinandertreffen.

Der Tango war schon immer offen für solche Begegnungen und Veränderungen. Ich versuche einfach, genau das auch zu tun.


Die Bandólica: Ein neues Instrument für die Zukunft des Tangos

Warum hast du die Bandólica entwickelt? Und welche Rolle könnte sie deiner Meinung nach in der Zukunft des Tangos spielen?

Mein Geschäftspartner Barbui sagt gerne einen Satz, der mir besonders gefällt: „Wenn ein Fußball 2.000 Dollar kosten würde, hätte es keinen Maradona gegeben.“

Das Bandoneon ist ein wunderbares Instrument, aber es ist auch sehr teuer und schwer zu bekommen. Wir brauchten ein Instrument, das den Tango für neue Generationen zugänglicher macht und das sich mehr Menschen leisten können.

So entstand die Bandólica.
Ich sehe sie allerdings nicht nur als praktische Lösung. Ich glaube, sie hat das Potenzial, zu einem eigenständigen Instrument zu werden, mit dem sich völlig neue musikalische Ausdrucksformen entwickeln lassen.

So wie das Bandoneon seinerzeit den Tango für immer verändert hat, könnte auch die Bandólica unerwartete Wege eröffnen und dazu beitragen, neue musikalische Sprachen für die Zukunft zu entwickeln.


Auf deinem Album hast du die Bandólica auch als Synthesizer eingesetzt. Wie funktioniert das?

Mit der Bandólica lässt sich praktisch jeder beliebige Klang der Tastenanordnung eines Bandoneons zuordnen.

Das haben wir beispielsweise gemacht, als wir das Bandoneon von Aníbal Troilo Ton für Ton aufgenommen haben. Wir können aber ebenso Synthesizerklänge, Streicher, Klaviere oder jede andere Klangquelle einspielen und zuordnen.

Das Interessante daran ist, dass all diese Klänge durch die besondere Spielweise des Bandoneons zum Leben erweckt werden. Das Instrument verfügt über eine ganz eigene Fingersatztechnik und eine außergewöhnliche Anordnung der Töne, die völlig andere musikalische Möglichkeiten eröffnet.

Dadurch entstehen ausgesprochen originelle Klangergebnisse. Es ist sogar möglich, Schlagzeugklänge oder elektronische Sequenzen mit Spieltechniken zu erzeugen, die unmittelbar aus der musikalischen Sprache des Bandoneons stammen.


„TANGO o NONTANGO“ – Auf der Suche nach den Grenzen des Tangos

Wie bereitest du dich auf deine Europatournee vor? In welchen Städten wirst du auftreten?

Im Mittelpunkt der Tournee steht mein Projekt TANGO o NONTANGO. Es ist ein musikalisches Konzept, das die Grenzen des Tangos erforscht und eine grundlegende Frage stellt: Welche Elemente machen eine Musik eigentlich zum Tango? Und was bleibt davon erhalten, wenn der Tango mit anderen musikalischen Ausdrucksformen in einen Dialog tritt?

Das Konzert verbindet das traditionelle Bandoneon mit der Bandólica, eigenen Kompositionen, Improvisation und moderner Technologie. Hinzu kommt eine Bühneninszenierung, die ganz bewusst auf ein intensives sinnliches Erlebnis setzt.

Die Tournee umfasst Auftritte in Spanien, Italien, Tschechien und Deutschland. Darüber hinaus sind pädagogische Veranstaltungen, Workshops und weitere Aktivitäten geplant, bei denen wir die Bandólica vorstellen und neue Zugänge zur Welt des Tangos vermitteln möchten.

Der wichtigste Termin ist für mich Berlin. Dort findet das Festival TANGO O NONTANGO statt, bei dem wir gemeinsam mit Acuario Cósmico und weiteren Berliner Künstlerinnen und Künstlern auftreten, die sich mit der Verbindung des Tangos zu anderen musikalischen Ausdrucksformen beschäftigen.

Dieses Festival wird zugleich eine besondere Rolle bei der Veröffentlichung meiner ersten Vinylplatte spielen.

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