Tango BA 2026: Der Tango des 21. Jahrhunderts gewinnt an Raum – doch die Szene bleibt fragmentiert

Die 23.te Ausgabe der Tango-Weltmeisterschaft ist zu Ende gegangen – genauer gesagt: von Tango BA, Festival und Tango-Weltmeisterschaft. Der Wettbewerb war in diesem Jahr in der Kategorie Pista interessanter als in der Kategorie Escenario. Von Letzterer dürfte nur die Erinnerung an eine kurzlebige Kontroverse im Netz bleiben.


Das Festival

Die Finals der Weltmeisterschaft sind lediglich der Höhepunkt von zwanzig Tagen intensiven Tangogeschehens mit mehr als 150 Shows, Unterrichtsangeboten, Livemusik, Milongas und Gesprächsrunden. Obwohl der Wettbewerb 850 Paare anzog, liegt der weitaus größte Teil des Programms jenseits des Tanzwettbewerbs.

In diesem Jahr verstärkte das Festival seine Bemühungen, neuen Tendenzen im Tango mehr Sichtbarkeit zu geben. Was wir „Tango des 21. Jahrhunderts“ nennen, erfuhr dabei zwei dezente Würdigungen: durch die Aufnahme von El Arranque ins Programm, das sein 30-jähriges Bestehen feiert, und durch die Rückkehr der Gruppe Fernández Fierro, die 25 Jahre alt wird. Auch die Reihe mit vier Konzerten und ebenso vielen Gesprächsrunden, kuratiert von den Organisatoren der Premios Tango Siglo XXI – den Preisen, mit denen Fachjournalisten zeitgenössische Tangoveröffentlichungen auszeichnen –, zeigt, dass das Festival wahrnimmt, was sich im Laufe des Jahres in der argentinischen Tangoszene tut.

Beim Tanz ging es ebenfalls nicht nur um den Wettbewerb: Es gab eine sehr gute, von Ollantay Rojas kuratierte Reihe, die choreografische Erneuerung auslotete, sowie eine weitere mit eher konservativen Ansätzen. Hinzu kamen Hommagen an herausragende Milongueros, bei denen große Tänzer deren Techniken und charakteristischste Schritte erläuterten. Und mit der Milonga in der Usina del Arte entstand ein ausgesprochen lebendiger Treffpunkt.

Tango BA - Festival

Tango Escenario: wenig Glanz

Der Wettbewerb im Tango Escenario erreichte bei dieser Ausgabe keine besonderen Höhen. In dieser Kategorie, die praktisch von argentinischen Paaren beherrscht wird – aus Argentinien stammen schließlich die wichtigsten Tanz- und Tangoshow-Kompanien der Welt –, fehlten die Ideen, mit denen sich in früheren Ausgaben etwa Mastrolorenzo–Vignau, Casal–Muzyka oder auch Bojko–García im Jahr 2025 durchgesetzt hatten.

2026 ging der Preis an Nicolás Schell und Nair Schinca. Technisch waren die beiden zwar überragend, doch erzählten sie letztlich dieselbe Geschichte wie die übrigen 19 Paare: die übliche Liebesbegegnung und das anschließende Auseinandergehen, dargestellt mit Pirouetten und einem ernsten Gesichtsausdruck auf beiden Seiten. Sie etwa tanzt praktisch die gesamte Choreografie mit gerunzelter Stirn.

Auch die Musik war in diesem Jahr wenig originell: viel Piazzolla, weiterhin Tango Bardo, dazu Beiträge von Color Tango und Solo Tango. Natürlich war auch Forever Tango reichlich vertreten, doch die Show von Luis Bravo geriet aus anderen Gründen in den Blickpunkt des Wettbewerbs.

Vor dem Finale warnte Bravo selbst in einem Beitrag in den sozialen Netzwerken vor einem möglichen Plagiat: Eines der teilnehmenden Paare, das er nicht namentlich nannte, habe womöglich eine Choreografie seiner Show kopiert. Er begründete seinen Hinweis mit der Ehre und damit, dass er es gegenüber den anderen Paaren für unfair halte, wenn sie „gegen eine Choreografie antreten müssen, die sich auf den Bühnen des Broadway und der Welt bewährt hat“. Andere Tänzer, darunter Sebastián Arce, griffen den Beitrag auf. Wenige Stunden später war er aus den sozialen Netzwerken verschwunden.


Tango de Pista

In der Kategorie Tango de Pista gewannen Lucas Gauto und Naima Gerasopoulou. Er stammt aus Córdoba, sie aus Griechenland; beide sind in der Szene sehr beliebt. Im Finale entschieden Zehntelpunkte über den Sieg.

In diesem Wettbewerb ist das Feld geografisch breiter aufgestellt. Zwar belegten argentinische Tänzer in diesem Jahr fast alle Podiumsplätze – mit Ausnahme des südkoreanischen Paares London und Sol, das vom gesamten Theater mit Ovationen gefeiert wurde –, doch waren auch Russland und andere Länder zahlreich vertreten. Zugleich gab es bemerkenswerte Lücken: So stand diesmal kein italienisches Paar im Finale, obwohl es sonst gewöhnlich mindestens zwei waren. Auch das übrige Lateinamerika war nicht vertreten, mit Ausnahme des Kolumbianers Juan David Vargas, der mit der Argentinierin Ornella Simonetto tanzt.

Obwohl Pista eine eher konservative Kategorie ist, bot die offizielle DJane Lorena Bouzas in diesem Jahr eine größere Vielfalt an Orchestern als in den Vorjahren – durchweg traditionelle Orchester, wobei sich alle Paare einem D’Arienzo stellen mussten. Auch in der Jury zeichnete sich eine Erneuerung ab, etwa durch die Beteiligung der ehemaligen Weltmeisterin Inés Muzzopappa, die sich auch als gleichgeschlechtliche Tänzerin profiliert hat. So tanzt sie beispielsweise mit der herausragenden Corina Herrera.

Stilistisch dominierte die Umarmung im Stil von „Villa Urquiza“, die gemeinhin als besonders elegant gilt. Mit einer deutlich engeren Umarmung erreichten Nicolás Palacios und Indira Hiayes allerdings den zweiten Platz.

2026 wurde zum zweiten Mal der Titel in der Kategorie Senior vergeben. Er ging in diesem Jahr an Aldo Romero und Marcela Pilatti, die auch die Stadtmeisterschaft gewonnen hatten. Senior ist eine Unterkategorie, die dem tatsächlichen Geschehen auf den Tanzflächen der Milongas deutlich näherkommt – und sei es nur, weil das Alter der Teilnehmenden jene körperlichen Höchstleistungen begrenzt, die die jungen Paare in der allgemeinen Kategorie zeigen. Tatsächlich konnte man während des Wettbewerbs bei vielen Paaren beobachten, wie sie sich zurückhielten, um keine „verbotenen“ Schritte einzubauen, die eher in eine Show als in den Tanzfluss auf der Pista gehören.


Fazit: Brücken, die noch zu bauen sind

Die Kluft zwischen dem Tanzwettbewerb und dem Festival bleibt gewaltig. Wenn Tango BA eine Aufgabe noch nicht gelöst hat, dann die, tragfähige und dauerhafte Brücken über jene Trennung hinweg zu bauen, die zwischen den Tanzbegeisterten und den Liebhabern der Musik zu bestehen scheint.

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