Mit dem neuen Album „En Trance“ formuliert das Tangorra Orquesta Atípica seinen musikalischen Anspruch so deutlich wie selten zuvor. Tango und Techno stehen nicht nebeneinander, sondern bilden einen gemeinsamen Klang. Im Sommer 2026 bringt die Gruppe diesen neuen Sound auch auf die europäische Bühnen und Tanzflächen.
Der Titel ist Programm: „En Trance“ will nicht nur gehört werden. Die Musik soll einen Zustand erzeugen – körperlich, rhythmisch und emotional. Das neue Album entwickelt seine Wirkung weniger durch große dramatische Gesten als durch Wiederholung, Verdichtung und einen beharrlichen Puls. Tangorra selbst spricht von einem „bold blend of tango & techno“, einer kraftvollen Mischung aus Tango und Techno. Zwar gehörten elektronische Elemente von Beginn an zur Musik der Gruppe, doch auf „En Trance“ werden sie entschiedener und konsequenter eingesetzt. Sie bilden das rhythmische und atmosphärische Fundament des Albums.
Zurück in die Zukunft
Nach dem überwiegend akustisch konzipierten Album „Música por Favor“ von 2023 und der mit Eliana Sosa aufgenommenen EP „Milongueros“ kehrt Tangorra zu seinem technonahen Kern zurück. Tangorra versucht jedoch nicht, frühere Erfolgsrezepte zu wiederholen.„En Trance“ klingt reduzierter, konzentrierter und in seiner elektronischen Textur stärker an Techno und Minimal orientiert. Das Album lebt von der Spannung zwischen Wiederholung und Variation. Die Beats sorgen für einen stabilen Boden. Darüber entfalten Bandoneon und vor allem die Violine Linien, die diesen Boden melodisch spannend machen und emotional aufladen. Die Stücke des Albums unterscheiden sich durch ihre Klangfarbe, rhythmische Energie und Dramaturgie. Einige Titel entwickeln sich aus einem dunklen, beinahe industriellen Puls. Andere erzeugen eine schwebende, tranceartige Atmosphäre oder lassen bekannte tangotypische Akzente hervortreten. Dabei vermeidet Tangorra eine überbordende Klangfülle.
Tangorra bliebt subtil
Die Musik wirkt sehr intim. Zwischen den Instrumenten bleibt Raum. Beats, Melodien und akustische Akzente sind klar voneinander zu unterscheiden, ohne auseinanderzufallen. Gerade diese Transparenz macht „En Trance“ interessant. Das Album versucht nicht, die Hörerinnen und Hörer durch permanente Steigerung zu überwältigen. Seine Intensität entsteht aus kleinen Verschiebungen: Ein rhythmisches Motiv wird wiederholt, eine Geigenlinie verändert ihre Richtung, das Bandoneon verlängert einen Akzent oder eine Stimme tritt plötzlich aus der elektronischen Architektur hervor. Der tragende Körper der Musik ist urban, minimalistisch und elektronisch geprägt. Zugleich bleibt Tangorra in den musikalischen Wurzeln des Tangos verankert.
Die emotionale Kraft der Geige
Eine besondere Rolle spielt Cecilia Giles. Ihre Violine zieht immer wieder lange melodische Bögen über die elektronischen Strukturen. Sie fügt der Musik Wärme, Farbe und emotionale Offenheit hinzu. In einem traditionelleren Arrangement wird diese Funktion häufig auch dem Bandoneon zufallen. Bei Tangorra übernimmt die Violine jedoch einen sehr großen Teil der melodischen Führung. Dadurch wird das Bandoneon von Mikele Borra freier. Es muss nicht permanent als klangliches Erkennungszeichen des Tangos im Vordergrund stehen, sondern kann rhythmische Figuren verlängern, elektronische Muster kommentieren und mit Marcatos arbeiten, die sich um die Technobeats legen.
Fran Borra schafft mit Bass, Programmierungen und elektronischen Grooves den tragenden Untergrund. Seine Produktion trennt den elektronischen Anteil nicht von den akustischen Instrumenten. Beide Ebenen sind aufeinander bezogen. Die Elektronik reagiert auf die Phrasierung der Instrumente, während Bandoneon und Geige sich in die repetitiven Strukturen hineinbewegen und weichen Fluss erzeugen. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu manchen frühen Electrotango-Produktionen, bei denen eine elektronische Basis gelegentlich wie ein fertiger Untergrund wirkte, über den anschließend erkennbare oder weltbekannte Tangoklänge gelegt wurden.
Bei Tangorra entstehen Beat und tangotypische Artikulation gemeinsam. Obwohl „En Trance“ vor allem von seinem instrumentalen und technonahen Kern geprägt wird, setzt Tangorra auch Stimmen gezielt ein. Ein Höhepunkt ist „Tierra Zanta“ mit Eliana Sosa. Die Zusammenarbeit mit ihr hatte bereits auf „Milongueros“ gezeigt, wie überzeugend sich ihre Stimme in eine elektronische Tangostruktur einfügen kann.
Tanzeinladung
„En Trance“ richtet sich ausdrücklich an Tänzerinnen und Tänzer. Ihre Tanzbarkeit beruht zunächst auf dem klaren Puls. Wer sich jedoch ausschließlich an den vertrauten Strukturen einer klassischen Tanda orientiert, wird gelegentlich umdenken müssen. Pausen, Übergänge und Steigerungen befinden sich nicht immer dort, wo man sie nach historischen Tangoaufnahmen erwarten würde. Die Musik lädt zu reduziertem Gehen, rhythmischen Gewichtswechseln und bewussten Pausen ein. Sie kann aber ebenso größere Bewegungen und zeitgenössische Ausdrucksformen tragen. Damit eignet sie sich besonders für Neolongas, alternative Milongas und freie Tango-Improvisation.
Tangorra ersetzt die Werkzeuge des Tango Argentino nicht. Die Gruppe verschiebt ihren musikalischen Kontext. Umarmung, Achse, Gehen und Kommunikation bleiben erhalten, treffen jedoch teilweise auf andere rhythmische Räume.
Tango & Techno sind urbane Gegenwart
Mit „En Trance“ nimmt Tangorra eine interessante Position innerhalb des Tango Siglo XXI ein. Die Gruppe bekennt sich klar zur elektronischen Musik, ohne den Tango nur als kulturelles Zitat zu verwenden. Ebenso wenig versucht sie, eine historische Orchesterästhetik mit modernen Produktionsmitteln nachzubauen. Das Album formuliert stattdessen eine eigenständige Antwort auf die Frage, wie urbane Tangomusik im Jahr 2026 klingen kann. Der Tango ist darin nicht abgeschlossen. Es ist eine Schärfung des eigenen Stils. Tangorra klingt technonäher, minimalistischer und selbstbewusster als zuvor. Tangorra fordert dabei keine Entscheidung zwischen Tango und Techno. „En Trance“ zeigt, dass Tango und Techno Teil derselben urbanen Gegenwart sein kann.
Tournee im Sommer 2026
Im Sommer 2026 bringt Tangorra das neue Album nach Europa. Die Tour führt die Gruppe zu Milongas, Festivals, Kulturzentren und alternativen Tangoformaten in mehreren Ländern. Im deutschsprachigen Raum präsentiert sich Tangorra hier (Stand 24.07.2026):
- 21.07. PhantasTango Camp, Braunsbreda
- 26.07. Theater am Rand, Oderaue
- 03.08. Tanzdeck Pina Bausch Zentrum, Wuppertal
- 10.08. Cafe Durchblick, Dortmund
- 15.08. Im Kapuziner, Ravensburg
- 16.08. Tango Emoción, Tübingen
- 22.08. Graffiti Milonga, Fribourg
- 23.08. Tango im Zoo, Frankfurt
Mehr zu 15 Jahre Tangorra: https://tango21.info/tangorra/
Komplette Tourdaten: https://tangorraorquesta.com/
