ELECTROTANGO – Suche und Neubestimmung

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Fran Borra
Fran Borra, Organisator 1. Festival Electrotango Buenos Aires und Leiter Tangorra

Interview mit Fran Borra.
Leiter des Orquesta Tangorra Atípica und Organisator des 1.ten Festivals Electrotango Buenos Aires

Tango21: Fran, was ist der Electrotango? Wie charakterisierst Du ihn, und wo siehst Du die wesentlichsten Unterschiede zum traditionellen Tango?

Fran Borra:  Ich glaube, daß der Tango allgemein unterschiedliche Entwicklungen durchlaufen hat und so da angekommen ist, wo wir jetzt stehen. Auf vielen Milongas – in Europa – wird Tango sogar nach Musik getanzt, die nicht notwendigerweise Tango ist. Eine sehr grobe Unterscheidung als Ausgangspunkt wäre es, den Tango nach Tanzmusik und konzertanter Musik zum Hören zu differenzieren.

Der elektronische Tango begann zu Anfang des 21.Jh., mit den Strömungen der Bands Bajo Fondo, Gotan Project, Otros Aires, Tanghetto, NarcoTango u.a. Der große Unterschied bezüglich des traditionellen Tangos liegt in der viel stärker betonten Rhythmik und dem Gebrauch von elektronischen Musikinstrumenten: sie ersetzen den Kontrabass und das Klavier des traditionellen Tangos.

Bis etwa zum Jahr 2000 war der Tango, zumindest in Argentinien, langsam in Vergessenheit geraten. Die Kultur der 90er war in Argentinien von Aufbruch bestimmt. Bereits Ende der 80er/Anfang der 90er beginnt der Tango in eine Art Siesta-Phase überzugehen. Die erfolgreichen neuen Tangokomponisten – wie Piazzolla oder Salgán – dachten nicht über den Tanz nach; sie schufen eine akademische Musik für Konzerte, die den Tango einbezog und klangvolle Bezüge zu jener urbanen Zeit herstellte, in der sie lebten. Der Tango Nuevo nach 2000 kam daher wie eine kulturelle Provokation, auch weil wir uns der Welt öffneten. Die große Leistung lag darin, dass auch die Tänzer wieder von den Komponisten und Musikern berücksichtigt wurden. In diesem Sinne kann sogar von einem Abusus, mehr noch als von einem guten Usus der Elektronik in den frühen Tangos der neuen Zeit gesprochen werden. Die Synkopen, das in den Boden hineingehende marcato des Zweivierteltakts des traditionellen Tangos ging in den ersten elektronischen Tangoideen oft unter.

Mit den neueren Elektrotango-Projekten der letzten 15 Jahre gab es, glaube ich, eine Rückkehr zum Tango, der nun in Form und Spielweise den Elektrotango wieder stärker prägt – nicht so sehr auf den Zweivierteltakt basierend, sondern auf dem Viervierteltakt. So veränderte sich auch der elektronische Tango während der letzten 5 Jahren bis heute, wie die neuen Orchester zeigen: Electrocutango, die Projekte von Volco-Gignoli oder unser Tangorra Orquesta Atípica.

Tango21: Wo siehst Du Euer letztes Album „Soltar“ in diesem Kontext?

Fran Borra:  “Soltar” verfolgt punktuell das Ziel, den Tango zurückzuholen und ihn gleichzeitig in elektronischer Modulation zu denken. Das sind keine zwei verschiedenen Dinge: sie vereinen sich in dem entstehenden Programm, im Spiel mit den jeweiligen Notwendigkeiten der Musik. Das ist unsere Basis, unser Ausgangspunkt; was wir jedoch suchen, ist Erneuerung und Neubestimmung, einen Tango, in dem sich die heutige Zeit wiederfindet.

Ich denke, daß diese Diskussion über den traditionellen und den elektronischen Tango den Leuten guttut. Die Hauptkritik, die der traditionelle Tanguero dem elektronischen Tango entgegenbringt, ist die Wahrnehmung eines Gefühls der Auflösung, des Verschwimmens des Electrotangos im Meer zeitgenössischer Klänge. Wir leben jedoch in einer Zeit dieser vorherrschenden Klangwelt und können dies nicht außer Acht lassen. So wie in den 20ern bis 40ern des letzten Jahrhunderts, Pugliese und Troilo die Klangwelten ihrer Zeit, des erwachenden Buenos Aires, in ihre Musik integriert haben.

Es wäre eine Verschwendung, diese Klänge nicht einzubeziehen, die in der Luft liegen und die unser eigen sind; die dem heutigen Buenos Aires angehören und nicht nur… Der Tango ist Finnisch, er ist Deutsch, Chinesisch, Japanisch… Ich feiere die neuen Produktionsstätten des Tangos. Vielleicht brauchen einige noch etwas Zeit und bessere Interpretationen; es ist jedoch wie ein großes Feld, das bestellt wird und für die junge Generation weiter bestellt werden muss. Eine besondere Eigenheit der heutigen Tangobewegung ist die Altersspanne, die sich zwischen 20 und 50 bewegt und in Buenos Aires neue Tangokreise hervorgebracht hat: junge Leute, die die Notwendigkeit verspüren, dieser Kultur Ausdruck zu verleihen.

Tango21: Was hat Dich bewegt, das Electrotango-Festival in Buenos Aires ins Leben zu rufen?

Fran Borra: Ich glaube an die Notwendigkeit eines Electrotango-Festivals in Buenos Aires, wobei ich Buenos Aires sage, weil ich nicht genau weiß, was musikalisch z.B. in Córdoba oder in der Welt passiert. In Buenos Aires haben wir das Fehlen von Räumen wahrgenommen, in denen sich moderner Tango als Tanz und Musik entwickeln und miteinander verquicken können. Dafür haben wir jetzt ein Festival und auch Meister eingeladen, die die Notwendigkeit des Tanzens und Hörens verstehen. Im traditionellen Tango herrscht zumeist eine strukturierte Bewegung vor, Figuren werden spontan in die Musik eingelassen, jedoch ohne wirkliche Improvisation. Der Electrotango hingegen will die Türen zum zeitgenössischen Tanz hin öffnen, dem Contactango, dem Hiphop…

Key Visual des 1.ten Festivals Electrotango Buenos Aires

Tango21: Dem Hiphop?

Fran Borra:  In Buenos Aires gibt es eine starke Bewegung zum Traptango hin, mit Menschen, die sich als Sänger und Performer in Richtung des Hiphops eingebracht haben. Für solche neuen Interpretationen stehen z.B. auch die Amigues de Tango Freestyle, die auf dem Festival auftreten werden. Ich glaube, es sind diese ganzen urbanen „Tribus“ (= Stämme, einigermaßen klar umrissene Subkulturen), die aufkommen und für die wir bisher noch keine Nische geschaffen haben.

In den Jahren 2018/2019 habe ich die Neolonga in Buenos Aires organisiert. Das war ein schöner Ort, mit der einzigen Praktika zu alternativer Tangomusik und Tango-Nuevo-Orchestern, die auch dem Tanz neue Möglichkeiten eröffnete. Leider hat die Pandemie diese Entwicklung unterbrochen. Das entspricht der Grundnotwendigkeit eines Festivals: den Menschen einen Ort zurückzugeben, wo sie zugleich eine Electrotangoband und eine Tanzfläche zum Experimentieren vorfinden, mit unterschiedlichen Blickwinkeln zum Tanz.

Die andere herausragende Frage nach der Notwendigkeit eines Festivals stellt sich seitens der Künstler. Es ist auch eine Folge der Pandemie, dass die Künstler untereinander sich sehr viel mehr getroffen haben, zusammen sprachen, arbeiteten und sich verstärkt organisierten. Daraus ergab sich, dass wir in Argentinien nun sieben Tangoströmungen erkennbar gemacht haben, jede mit ihren Eigenheiten.: Tango de Concierto, Orquestas Milongueras, Nuevo Tango Cancion, Cantoras y Cantores, Nuevas Tendencias, Nuevo Tango Criollo und auch Electrotango

Tango21: Handelt es sich beim Electrotango um eine Organisation mit juristischer Grundlage?

Fran Borra:  Es ist kein institutioneller Zusammenschluss, keine Gewerkschaft, sondern reflektiert die Notwendigkeit, Energien und Kräfte zusammenzulegen. Das Ergebnis ist die Frucht zweier Jahre Arbeit, in denen wir mit Persönlichkeiten und Initiatoren der Szene gesprochen haben, mit Max von Tanghetto, Miguel di Génova von Otros Aires, Carlos Libedinsky von Narcotango und die Notwendigkeit gesehen haben, die verschiedenen Strömungen und Ästhethika des zeitgenössischen Tangos zu klären.

Der Electrotango hat seine Daseinsberechtigung außerhalb der neuen Tendenzen und der Milonga-Orchester. Er verfügt über eine eigene Identität und generiert ein eigenes Mikroklima. Das ist die Zielsetzung des Festivals und Folge all dessen, was wir erarbeitet haben. Ich glaube, dass dies Argentinien sehr guttun wird, bzw. Buenos Aires und dem Tango. Unsere Intention ist es, dieses Festival über eine Reihe von Jahren beizubehalten, es zu perfektionieren. Dieses ist nun das erste.

Tango21: Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit Carlos Libedinsky, der auch das Festival erwähnt sowie die Entstehung eines Electrotango-Zusammenschlusses. Ist das inzwischen Realität?

Fran Borra:  Ja. Es ist ein Künstler-Kollektiv, bestehend aus zehn Bands, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben. Wir haben uns so etwas wie organische Statuten gegeben, in denen wir die Prinzipien und Differenzen erklären, die uns besonders kennzeichnen und die mit der Einbeziehung von Technologie in der Weiterentwicklung des Tangos zu tun haben. Das sind wohl die Eigenschaften, die uns verbinden: die Art wie wir Technologie in die Aufarbeitung des Tangos einbeziehen. Gleichzeitig ist dies jedoch der Teil, gegen den die traditionellen puristischen Tangueros sich am meisten wehren. Selbst wenn bereits einige Zugeständnisse gemacht wurden, und die Bewegung ein wenig von ihrer ersten Kraft verloren, hat dieses Kollektiv die Grundlagen für die Ermöglichung des Festivals geschaffen.

Sechs oder sieben Bands der Vereinigung werden daran teilnehmen, und jene, die es jetzt nicht geschafft haben, werden in den folgenden Ausgaben auftreten. Wir haben als besonderen Gast den Pianisten Juan Pablo Gallardo eingeladen, der Leiter eines traditionellen Orchesters ist. Er hat mit Daniel Melingo gearbeitet, und leitet dessen Orchester. Es ist neu, dass jemand ausserhalb der Elektrotango-Szene wie er mitmacht. Wir Musiker sollten diese Grenzüberschreitungen fördern und neue Impulse ermöglichen. Der traditionelle Tanguero, der Milonguero hat bestimmte Vorstellungen vom Tanzen in Bezug auf die Musik, und wenn diese Logik verlassen wird, erscheint die Improvisation und der Raum öffnet sich neuen Ausdrucksformen. Ich sehe es als Aufgabe der Musiker, uns zusammenzuschließen und dies als Resultat einer kollektiven Anstrengung zu verstehen. Dies ist unsere Arbeit und unser Weg, und das ergibt eine sehr interessante Harmonie.

Tango21: Dieser Electrotango-Verband, hat er einen Namen?

Fran Borra:  “Colectivo Electro Tango Argentino – EAR”. Wir sind Teil der sieben Ästhetiken des Tangos in der “Asociación de intérpretes y compositores del tango – ACIT”, dem Verband der Tango-Interpreten und Komponisten. Die ACIT unterliegt rechtlich tatsächlich einer juristischen Gesetzesform.

Tango21: Ein Großteil der Milongueros ist mit dem neuen Tango und dem Electrotango nicht vertraut. Wie kann man dem abhelfen?

Fran Borra: Wie bei allen Prozessen, braucht das seine Zeit. Bereits jetzt gibt es diesbezüglich viel Bewegung auf den Milongas. Der Tango ist immer ein Spiegel seiner Zeit. Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts waren von den Einwanderern bestimmt, der heutige Tango spiegelt unsere Geschehnisse wider. Argentinien ist ein Land mit großen sozialen Problemen, die keine kurzfristigen Lösungen erwarten lassen. Es braucht einer ganzen Entwicklung, die Ideen Anderer zu verstehen und sie wirklich zu akzeptieren, nicht nur in Form von Lippenbekenntnissen. Das betrifft auch den Tango.

Ich glaube, daß das Electrotango-Festival dazu einladen wird, sich in diese Klangwelten hineinzuhören, sich darauf einzulassen. Ich bin ein sehr großer Anhänger von Pugliese. Es muss jedoch neues Material generiert werden, das die argentinische Kulturszene und den Tango in der ganzen Welt weiter nährt. Das ist die Herausforderung, der wir uns mit diesem Festival stellen. Ich weiß nicht, ob wir diejenigen sind, die diese Aufgabe voranbringen werden, jedoch schaffen wir einen Raum für die Ausdrucksfähigkeiten der Leute, und das sind nicht Wenige.

Tango21: Danke für dieses Gespräch.

Übersetzung: Dr. Stela Popescu-Böttger
Originaltext:https://tango21.info/electrotango-busqueda-y-resignificacion-del-tango-en-tiempos-actuales/?lang=es

INFO: Festival Electrotango Buenos Aires Argentina
4,5 und 6 Februar 2022
Galpon B.
Cochabamba 2536
Buenos Aires (CABA)
Organisation: Fer Bietti, Fran Borra und Lia Martinez
Instagram: @festivalelectrotango.bsas
Facebook: https://www.facebook.com/FestivalElectrotangoBsAs

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