Silvia Toscano über die Tango-Weltmeisterschaft: „Als Jurorin lernt man, den Blick zu schärfen“

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Silvia Toscano
Silvia Toscano - Foto: Fede Paleo

Interview mit Silvia Toscano, Koordinatorin der Jury für die Tango-Weltmeisterschaft in Buenos Aires

„Im Allgemeinen denkt man, dass man überall präsent sein müsse, um ein echter Tanguero zu sein oder den Tango zu lieben. Dabei gibt es so viel leere Selbstdarstellung!“, bemerkt Silvia Toscano. Sie räumt ein, nicht besonders häufig auf Milongas zu gehen, ist aber seit mehr als vier Jahrzehnten Tänzerin und eine feste Größe auf der Bühne.

Toscano gehört nicht zu den sichtbarsten Persönlichkeiten, nimmt jedoch im lokalen wie internationalen Umfeld eine zentrale Rolle ein: Sie koordiniert die Jurys der Tanzwettbewerbe, sowohl bei der Stadtmeisterschaft als auch bei der Tango-Weltmeisterschaft. „Ich sehe mich als Bühnentänzerin – dort stehe ich auf festem Boden. Ich leite sehr gern, entwickle Choreografien und tanze, auch wenn Letzteres allmählich eher zu einer Erinnerung wird“, erzählt sie Tango21.info.

„Meine Liebe zum Tango hat sich nicht verändert. Sie hat sich im Lauf der Jahre gewandelt, und mein Körper und mein Denken haben sich angepasst. Der Tango verändert sich entsprechend dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext. Als populärer Tanz wird er in all seinen Facetten von der Gegenwart geprägt. Würde ich das leugnen, bliebe mir kein Spielraum, dieses Genre weiterhin zu genießen, das mich seit mehr als 40 Jahren begleitet“, erklärt sie.


Die Rolle der Jury bei der Tango-Weltmeisterschaft

Tango21: Wie bist du zu deiner Rolle als Jurorin bei Wettbewerben gekommen?

Silvia Toscano: Meine Tätigkeit als Jurorin begann 2004. Ich wurde eingeladen und habe von da an in allen Runden der Tanzmeisterschaft der Stadt Buenos Aires sowie bei der Tango-Weltmeisterschaft in Buenos Aires gewertet. Seit 2024 übernehme ich nun die Zusammenstellung und Betreuung der Jurys beider Wettbewerbe. Die Rolle als Jurorin oder Kuratorin interessiert mich sehr.

Als Jurorin lernt man, den Blick zu schärfen, auf Details zu achten und gemeinsam mit dem Paar ganz im Hier und Jetzt zu sein. Man kann beobachten, wie der Tango gesellschaftlich gelebt wird – sowohl im Tanz als auch in der Kleidung und natürlich bei den gerade angesagten Schrittfolgen! Darin sehe ich wenig Kreativität, denn wenn man eine Sequenz lernt, sollte man nach einer Möglichkeit suchen, sie zu personalisieren: sie dem eigenen Tanzstil, dem eigenen Körper und dem Körper der Partnerin oder des Partners anzupassen.


Tango21: Wie siehst du die Wettbewerbsszene heute?

Silvia Toscano: Ich erlebe sie als sehr vielfältig und reich. Es gibt Teilnehmende, die das ganze Jahr über lernen, um ihr Ziel zu erreichen. Manchmal stört mich daran jedoch etwas: wenn das einzige Ziel darin besteht zu gewinnen und das emotionale Interesse verloren geht, das dieser Tanz in einem weckt.


Die Entwicklung des Tangos in den argentinischen Provinzen

Tango21: Und regional betrachtet? Gibt es etwas, das dich sagen lässt: „In dieser Region wird überwiegend so getanzt, in jener anders“?

Silvia Toscano: Es freut mich, dass viele Tänzerinnen und Tänzer aus dem Landesinneren dank der Wettbewerbe ihr Tanzen im Tango de Pista verbessert haben. Das entsteht durch die Wettbewerbe selbst oder durch Festivals, die Lehrkräfte einladen, welche die Tänzerinnen und Tänzer nicht nur über ein Video, sondern persönlich anleiten können – und diese Präsenz ist grundlegend.

Beim Bühnentango fehlt es noch etwas mehr an Information, oder besser gesagt: an Ausbildung. Ich glaube, dass es im Hinblick auf Technik und choreografische Komposition einen gewissen Mangel an qualifiziertem Unterricht gibt. Die Festivals und Wettbewerbe im Landesinneren bieten vor allem Kurse im Tango de Pista und weniger im Bühnentango an. Das zeigt sich später bei der Tango-Weltmeisterschaft: gute Tänzerinnen und Tänzer mit wenig Bühnenorientierung. Natürlich gibt es viele Ausnahmen.

Und es ist ebenso wichtig zu sagen, dass nicht alle nach Buenos Aires kommen können, um Unterricht zu nehmen, denn das bedeutet eine erhebliche finanzielle Belastung. Dadurch ist der persönliche Zugang zu Wissen begrenzt. Positiv ist, dass die uns zur Verfügung stehende Technik Entfernungen verkürzt, auch wenn sich die persönliche Begegnung nicht so leicht ersetzen lässt.


Tango-Wettbewerbe: Ja oder Nein?

Tango21: Es wird viel darüber diskutiert, ob Wettbewerbe sinnvoll sind oder nicht. Wie positionierst du dich in dieser Debatte?

Silvia Toscano: Für mich sind Wettbewerbe etwas Positives. Sie lösen eine große Bewegung in der Tangoszene aus, mit Paaren, die lernen, um die Qualität ihres Tanzes zu steigern. Negativ werden sie, wenn dein einziges Ziel das Gewinnen ist und du die Frustration nicht aushältst, die aus dem „Ich habe es nicht geschafft“ entsteht. Wettbewerbe gibt es seit vielen Jahren. María Nieves erinnerte sich immer daran, wie sie 1956 im Luna Park an einem Wettbewerb teilnahm, und an andere Wettbewerbe, die in den verschiedenen Stadtteilklubs ausgetragen wurden.

Wettbewerbe existieren, weil es Menschen gibt, die daran teilnehmen möchten. Von diesem Ausgangspunkt aus ist jeder frei, seinen Tango dort auszudrücken, wo er möchte.


Vereinheitlichen Tango-Wettbewerbe den Tango?

Tango21: „Vereinheitlicht“ der Wettbewerb den Tango? In den Finalrunden hört man aus dem Publikum oft den Kommentar: „Sie tanzen alle gleich.“

Silvia Toscano: Für mich vereinheitlicht der Wettbewerb den Tango nicht. Vereinheitlicht wird er vielmehr durch die Tangobewegung, die je nach gesellschaftlichem Kontext gelebt wird, wie ich bereits zu Beginn sagte. Vereinheitlicht wird er von jenen Paaren, die nicht nach ihrer eigenen Identität suchen und nicht den Mut zu etwas Persönlicherem haben. In den vergangenen Jahren hat sich beim Tango de Pista viel verändert.

Nicht alle tanzen gleich. Es gibt Paare, die in ihrem Tanz eine wunderschöne Gegenwart schaffen. Und es gibt Paare, die lediglich Sequenzen abspulen. Ich denke, all das gehört zum persönlichen Wachstum: herauszufinden, was zum eigenen Tango passt und was nicht.


Kleidung, Dresscode und Tango-Klischees

Tango21: Ein weiterer Vorwurf gegenüber Wettbewerben lautet, sie würden bestimmte überholte Tango-Stereotype aufrechterhalten: eine bestimmte Art sich zu kleiden und nur eine einzige Form, Paare zu bilden.

Silvia Toscano: Das liegt bereits in der Verantwortung der Teilnehmenden. Der Wettbewerb schreibt weder eine bestimmte Kleidung noch ein bestimmtes Verhalten vor. Ich spreche von der Tanzmeisterschaft der Stadt Buenos Aires und der Tango-Weltmeisterschaft; wie andere Wettbewerbe heute mit diesem Thema umgehen, weiß ich nicht. Im Reglement ist festgelegt, dass die Kleidung beim Tango de Pista nicht bewertet wird. Beim Bühnentango hingegen schon, weil das Kostüm den präsentierten künstlerischen Vorschlag unterstützen muss.

Im Reglement für Tango de Pista heißt es: Die Kleidung wird nicht als Bewertungskriterium herangezogen, es wird jedoch empfohlen, bei den Präsentationen auf ein gepflegtes Erscheinungsbild zu achten. Bei der Wahl von Kleidung, Frisur und Make-up sollten die Paare daran denken, dass Tango de Pista ein Gesellschaftstanz und kein Bühnentanz ist.


Tango21: Ich spiele einmal den Advocatus Diaboli: Ist ein „gepflegtes Erscheinungsbild“ nicht doch immer dasselbe? Es gibt zahlreiche Milongas – hier wie überall auf der Welt –, bei denen man nicht in Anzug und Krawatte erscheinen muss. Bei Wettbewerben hingegen scheint es, als würden die Chancen auf den Sieg deutlich sinken, wenn man kein Sakko trägt, nicht bis zum letzten Knopf zugeknöpft ist und nicht die beste Krawatte umgebunden hat.

Silvia Toscano: „Gepflegtes Erscheinungsbild“ sollte man im Sinne jener Milonga-Regeln verstehen, die man häufig in den sozialen Netzwerken für ein gutes gemeinschaftliches Miteinander liest: ein ordentliches Auftreten, also saubere Kleidung und persönliche Hygiene. Danach kann jeder das so auslegen, wie es sich für ihn oder sie richtig anfühlt, und sich entsprechend dem eigenen Wohlbefinden kleiden.


Neue Tangomusik bei Tango-Wettbewerben

Tango21: Welche Rolle spielt neue Musik im Wettbewerbstango? Vor einigen Jahren spielte der DJ im Finale der Tango-de-Pista-Weltmeisterschaft eine Version eines Klassikers von La Misteriosa Buenos Aires, und unter den Tänzerinnen und Tänzern brach ein Skandal aus. Warum passiert so etwas?

Silvia Toscano: Obwohl sich die Tangowelt weiterentwickelt und neue Tanzformen sowie neue Arten des Musizierens akzeptiert werden, gibt es unausgesprochene Regeln, die weiterhin respektiert werden. Manche Versionen eignen sich zum Tanzen mit einer Choreografie, andere laden eher zu einem Tango de Pista ein.

Die Bewegungsabsichten sind unterschiedlich. Der Körper stellt sich anders ein, wenn man etwas Intimeres hört, als wenn man eine aufwendigere, prunkvollere Orchestrierung hört. Dabei geht es mir nicht um musikalische Qualität, sondern um eine innere Schwingung, die einem das Gefühl vermittelt, wenn die Musik dazu einlädt, den eigenen Tanz zu präsentieren.


Tango21: Niemand bestreitet, dass verschiedene Orchester unterschiedliche Bewegungsqualitäten anregen. Das gilt jedoch ebenso für die Orchester der Goldenen Epoche. Der Fall von La Misteriosa ist auffällig, weil es sich unbestreitbar um ein Milonga-Orchester handelt. Man kann nicht einmal behaupten, es sei unbekannt. Mit welchem Argument lässt sich seine Musik in einem Wettbewerb ablehnen, der doch angeblich die Tanzfläche der Milongas widerspiegelt?

Silvia Toscano: Für mich ist es keine Frage von neuer oder nicht neuer Musik. La Misteriosa – ich greife das Beispiel auf, weil du das Orchester erwähnst – ist auf den Milongas präsent. Doch jene Version, die damals gespielt wurde, wurde von der Tangogemeinschaft aus den zuvor genannten Gründen eher als ein Stück für die Bühne wahrgenommen. Ich glaube nie, mit meinen Aussagen die Wahrheit für mich gepachtet zu haben. Aber meiner Ansicht nach muss ich nicht weiter nach einem Warum suchen. Ich denke, die Reaktionen an jenem Tag waren viel deutlicher als meine Worte.

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