Julio Coviello und die Aktualität des Orquesta-típica-Formats im heutigen Tango.
Die Fiesta de Orquestas Típicas vereinte drei musikalische Projekte des zeitgenössischen Tangos in einer gemeinsamen Nacht des Feierns und des ästhetischen Austauschs zusammen.
Am Mittwoch, den 17. Dezember, standen im Galpón B (1) das Orquesta Invisible, (2) das Orquesta Típica Calle Hidalgo und (3) das Orquesta Típica Di Pasquale gemeinsam auf der Bühne – als Abschluss eines intensiven Jahres der aktuellen Tangoszene.
Initiiert von Julio Coviello, Bandoneonist und Leiter des Orquesta Invisible, möchte das Treffen die Aktualität des Orquesta-típica-Formats deutlich machen. Die Vielfalt der musikalischen Suchbewegungen sowie der Austausch mit dem Publikum wurden in einem herausfordernden Kontext sichtbar. ITango21 führte dazu ein Interview mit Julio Coviello über die Entstehung des Festes, die Gegenwart der Orchester Típicas und die kreative Dynamik des heutigen Tangos.
Tango21:Die Fiesta de Orquestas Típicas vereint drei Projekte mit sehr unterschiedlichen Identitäten.
Wie ist diese Initiative entstanden und was hat euch motiviert, dieses kollektive Treffen als Jahresabschluss zu organisieren?
Julio Coviello: Das Projekt der Fiesta de Orquestas Típicas ist in diesem Jahr entstanden. Wir verstehen uns als Gleichgesinnte – als Musiker*innen, die große Ensembles aufbauen und kontinuierlich an künstlerischen Fragestellungen arbeiten.
Zunächst entstand die Idee, eine gemeinsame Veranstaltung zu machen, und dann dachten wir: Warum nicht ein großes Fest der Orchester Típicas organisieren und alle drei zusammenbringen? Wir beenden das Jahr 2025 in einem Ort wie dem Galpón B, einem befreundeten Veranstaltungsort und feiern gemeinsam, haben ein gemeinsames Publikum und teilen die Begeisterung, den Tango in einer so vielseitigen Art auf die Bühne zu bringen. Die vielen Facetten der Orchester Típica wird durch die Unterschiedlichkeit der drei Orchester hörbar werden.
Tango 21: In einem wirtschaftlich schwierigen Kontext ist es nicht leicht, große Orchester zu erhalten.
Was bedeutet das Orquesta-típica-Format heute innerhalb des zeitgenössischen Tangos?
Julio Coviello: Unabhängig vom wirtschaftlichen Kontext glaube ich, dass man die Orchester Típica der Gegenwart betrachten muss, indem man dieses erste Vierteljahrhundert Tango im 21. Jahrhundert analysiert. In diesen 25 Jahren haben sich zahlreiche Orchester Típicas gebildet, die für heutige Musiker*innen zu Referenzen geworden sind. Einige setzten auf neue Kompositionen und ästhetische Ansätze, andere auf die Wiederbelebung und Weitergabe traditioneller musikalischer Praktiken.
Als Archetyp für Orchester mit neuen Kompositionen und ästhetischen Suchbewegungen sehe ich die Fernández Fierro – ein Orchester, in dem ich 14 Jahre lang gespielt, komponiert und mitgewirkt habe.
Ein anderes emblematisches Beispiel für die Pflege von Traditionen ist die Orquesta El Arranque sowie die Arbeit von Diego Varchausky mit dem Orquesta-Escuela-Projekt Emilio Balcarce.
Zwischen diesen beiden Linien und Archetypen haben sich die Orchester Típica zu Beginn dieses Jahrhunderts stark entwickelt. Musikalisch ist das sehr anziehend und vermittelt das Gefühl, dass sich der Aufwand lohnt – weil er sich künstlerisch lohnt.
Die größten Anstrengungen der Menschheit wurden nie aus wirtschaftlichen Gründen unternommen, sondern aus Überzeugung, aus Ideen heraus, aus dem Wunsch, Dinge zu verändern und eine Überzeugung in der Realität zu verankern.

Tango21: Das Orquesta Invisible ist ein junges Projekt mit einer starken Identität.
In welchem kreativen Moment erreicht das Orchester die Fiesta, und was kann das Publikum erwarten?
Julio Coviello: Das Orquesta Invisible wurde in diesem Jahr gegründet. Im März haben wir mit den Proben begonnen. Unser Debüt spielten wir mit einem Repertoire aus Tangos, die ich über die letzten Jahre komponiert habe.
Schon bald begannen wir jedoch, gemeinsam zu komponieren – zusammen mit den Mitgliedern des Orchesters. So entstand nach und nach eine breite Identität, aus der sehr unterschiedliche musikalische Ausdrucksformen hervorgehen.
Die Idee ist, dass das Orchester „unsichtbar“ ist und jede einzelne Musikerin und jeder einzelne Musiker immer sichtbarer wird.
Für die Platte, die wir jetzt im Dezember aufnehmen, werden wir das erarbeitete Repertoire festhalten, darunter auch drei eigene Kompositionen. Das ist ein sehr charakteristisches Merkmal des Projekts.
Tango21: Wo siehst du den zeitgenössischen Tango heute – zwischen den Schwierigkeiten des Kontexts und der kreativen Vitalität der aktuellen Projekte?
Julio Coviello: Um den Kontext des zeitgenössischen Tangos zu analysieren – wie ihr den Tango von heute nennt –, würde ich nicht die wirtschaftlichen Parameter Argentiniens heranziehen. Da es sich um eine künstlerische Frage handelt, sehe ich vielmehr einen sehr fruchtbaren Moment für künstlerisches Arbeiten.
Krisenzeiten erzeugen beim Menschen ein starkes Bedürfnis nach Ausdruck. Und oft reicht eine rein rationale oder textliche Sprache ohne poetischen Atem nicht aus, um sich in solchen Momenten auszudrücken – genau dann treten die künstlerischen Ausdrucksformen besonders stark hervor.
Der heutige Tango ist weit davon entfernt, diese enorme Ausdrucksnotwendigkeit ungenutzt zu lassen. Er nutzt sie, um all das, was Künstler*innen empfinden, in künstlerische Werke zu übersetzen.
Als Beispiel dafür, dass die größten menschlichen Anstrengungen nicht aus finanziellen Gründen entstehen, kann man sagen: San Martín hat die Anden nicht wegen Geld überquert – genauso wenig wie wir Kinder großziehen oder uns um unsere Eltern kümmern.