Ciudad Baigón präsentiert seine CD „Instrucciones para sobrevivir en una pecera“ im Galpón B

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Orquesta tipica Ciudad Baigón - Galpon B - Ruben PIneda
Orquesta tipica Ciudad Baigon

Das Orquesta Típica Ciudad Baigón, das vor mehr als zwei Jahrzehnten gegründet wurde, hat sich als selbstverwaltetes und zeitgenössisches Tangoprojekt etabliert. Ihre vierzehn Mitglieder — organisiert als Genossenschaft und zugleich Betreiber ihres eigenen Kulturraums, des Galpón B — veröffentlichten 2024 ihr aktuelles Album „Instrucciones para sobrevivir en una pecera“, ein Konzeptwerk, das die Gefühle von Einsamkeit und Isolation in der Postpandemie-Zeit erforscht.

„In diesen so individualistischen und digitalen Zeiten”, sagt die Orchestergruppe, “glauben wir mehr denn je an den Wert menschlicher Begegnungen und an Musik, die von Menschen gemacht wird.“

Tango21 sprach mit Hernán Cabrera über das Album, über Selbstverwaltung und die Herausforderung, ein kooperatives Projekt im heutigen Argentinien aufrechtzuerhalten.


Tango21: Das Album trägt den Titel „Instrucciones para sobrevivir en una pecera“ (auf deutsch: Anleitungen zum Überleben in einem Goldfischglas). In der Presse heißt es, es beschäftige sich mit Isolation und existenziellen Krisen der Postpandemie. Mich interessiert jedoch: Wer befindet sich eigentlich in diesem Goldfischglas? Sind wir es, die Künstler, oder die Gesellschaft als Ganzes?

Hernan Cabrera: Wir alle können uns auf unterschiedliche Weise und in irgendeiner Form angesprochen fühlen, sowohl körperlich als auch emotional. Das Goldfischglas nimmt gewissermaßen die Form an, die jeder ihm gibt.


Tango21: Die Liedtexte mit Titeln wie „Wenn Gott kein Alien ist, interessiert er mich nicht“, „Prozac und Placebo gingen zum Fluss“ oder „Schuld ist ein schlechter Witz“ tragen eine sehr spezifische existenzielle Dimension in sich. Wie wurde dieses lyrische Universum entwickelt? War es ein kollektiver Schreibprozess oder eher deine persönliche, individuelle Stimme?

Hernan Cabrera: Es ist eine kollektive Konstruktion in Bezug auf die Botschaft, aber die Umsetzung durchläuft immer einen individuellen und sehr persönlichen Moment.


Tango21: Wie verlief der Kompositions- und Arrangementprozess für dieses neue Album? Entsteht alles am Klavier oder gibt es eine kollektive Orchestrierungsarbeit, bei der die Handschrift jedes Musikers das Endergebnis verändert?

Hernan Cabrera: Der Kompositionsprozess ist sehr lang und besteht aus mehreren Phasen Nach einer Auswahl von Skizzen gemeinsam mit einigen Kollegen beginne ich die umfangreiche Phase der Orchestrierung, die ich allein durchführe. Danach präsentiere ich das Stück dem Orchester so gut wie möglich ausgeschrieben. Von da an bringt jedes Mitglied entsprechend seiner Rolle eigene Ideen ein. Gemeinsam werden Änderungen beschlossen und neue Varianten ausprobiert.

Das Endergebnis ist kollektiv und einzigartig — abhängig davon, wie wir es interpretieren und zusammen erarbeiten. Das ist das Wertvollste.

Die Noten korrekt aufzuschreiben, ist letztlich das Wenigste.


Tango21: Ihr arbeitet seit fast zwanzig Jahren als Genossenschaft. Was bedeutet es im aktuellen wirtschaftlichen Kontext Argentiniens — in dem Kultur zu den am stärksten betroffenen Bereichen gehört —, ein solches Modell aufrechtzuerhalten? Welche konkreten Grenzen setzt euch diese Struktur?

Hernan Cabrera: Unser Organisationsmodell ist das einzig mögliche in diesem Kontext — und war es auch in anderen Zeiten. Für uns war es immer schwierig, und abgesehen von wenigen Ausnahmen haben wir nie etwas erhalten, das wir nicht selbst organisiert hätten.
Die Welt kann ein feindlicher Ort für Künstler sein, deren Arbeit keinen Platz innerhalb der Industrie hat.

Wo die Grenze liegt, weiß ich nicht; ich möchte glauben, dass sie noch weit entfernt ist.


Tango21: Die Zusammenarbeit mit dem Indio Solari war ein Wendepunkt für die Sichtbarkeit der Band. Wie geht ihr mit diesem symbolischen Gewicht um? Gibt es etwas von dieser Verbindung im neuen Album. Vielleicht im Geist?

Hernan Cabrera: Wir empfinden es nicht als Last. Es war eine wunderbare Geste des Indio, die wir als eine unserer schönsten Erinnerungen bewahren.

Hernán Cabrera - Orquesta Tipica Ciudad Baigon - Foto: Ruben Pineda

Tango21: Der heutige Tango hat in Buenos Aires eine aktive Szene, doch der kulturelle Mainstream liegt woanders. Wie lebt ihr mit dieser Situation? Empfindet ihr sie als Grenze oder eher als strategischen Vorteil?

Hernan Cabrera: Ich glaube nicht, dass die Szene so groß oder so aktiv ist.
Ich denke, dass die Industrie, die „Kulturgrößen“ und die sozialen Netzwerke zunehmend künstlerische Ausdrucksformen aus ihren Schaufenstern verdrängen, die keine unmittelbaren Einnahmen generieren und vom Publikum ein Maß an Aufmerksamkeit verlangen, das offenbar nicht gefördert werden soll. Warum auch immer.


Tango21: Was fehlt dem Tango als Genre, um eine ähnliche Reichweite wie Folklore oder nationaler Rock zu erreichen? Ist es ein Problem der Industrie, der medialen Darstellung oder liegt etwas Strukturelles im Genre selbst?

Hernan Cabrera: Es ist eine Mischung aus allem. Die meisten Menschen glauben weiterhin, Tango sei die Musik der 1940er Jahre und verbinden ihn mit einer Ästhetik, die heute kaum noch Interesse weckt — außer vielleicht bei einem bestimmten touristischen Publikum.

Seit vielen Jahren versuchen wir wie auch andere Gruppen Tango aus einer neuen und zeitgenössischen Perspektive zu denken, damit er nicht stirbt. Offensichtlich machen wir dabei einen miserablen Job.

Orquesta Tipica Ciudad Baigón - Galpón B -  Foto: Ruben Pineda

Tango21: Ihr präsentiert das Album am 1. Mai, dem Tag der Arbeit. In einem Land, in dem unabhängige Musiker oft unter prekären und unsichtbaren Bedingungen arbeiten: ist ein Konzert an diesem Tag nur ein weiteres Datum oder auch eine Aussage darüber, dass Kunst ebenfalls Arbeit und Widerstand bedeutet?

Hernan Cabrera: Es ist niemals nur ein weiteres Datum.
In diesem Fall fiel unser Konzert auf den Tag der Arbeit. Unsere Arbeit als Künstler hat viele Besonderheiten, so wie jede andere Arbeit auch. Und ich glaube, dass wir als Gesellschaft nicht nur eine übermäßige Ausbeutung erleben, sondern auch eine Zeit, in der sich der Sinn des Lebens auf die Anhäufung von Reichtum zu reduzieren scheint …. als wäre das das Einzige, was zählt und wofür man arbeiten sollte.

Der Kapitalismus ist eine Falle: Er hat nicht nur das Elend der Mehrheit erzeugt, sondern auch den Sinn menschlicher Erfahrung verändert, die sich nicht auf Geldgewinn konzentrieren sollte, sondern auf die Suche nach Schönheit.

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