Camila Arriva – Ich traf Strukturen zum Aufbrechen

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Foto: Verónica Bellomo
Camila Arriva, cantante. Foto: Veronica Bellomo

Die Argentinierin Camila Arriva hat als lyrisch ausgebildete Sängerin erst in Deutschland zum Tango Argentino gefunden und sich ihm seitdem verschrieben. Ihr aktuelles Frauenprojekt „Mujeres“ widmet sich den von Frauen komponierten Tangos aller Zeiten und Stilrichtungen. In unserem Gespräch erzählt sie von ihrem Projekt, und wie der Zusammenprall ihres argentinischen Wesens mit dem deutschen Umfeld zu einer Neuorientierung in ihrem künstlerischen Leben geführt hat. Andrés Valenzuela sprach mit Camila.

Infolge ihrer europäischen Erfahrungen hat die Sängerin Camila Arriva ein Projekt vorangetrieben, welches dem Publikum das Tangorepertoire von Komponistinnen aus dem goldenen Zeitalter bis zur heutigen Zeit verfügbar machen will. Sie erinnert sich an ihre Anfänge: „Zum Tango kam ich als Tänzerin und habe zu Beginn die ungeschriebenen Regeln der Milonga und der Milongueras nicht verstanden.“

Nun hat sie vor kurzem ihre zweite Platte, „Mujeres 2“ vorgestellt – Teil ihres langjährigen Projektes – Tango-Komponistinnen aller Zeiten dem Publikum vorzustellen. Ihre Band besteht ausschließlich aus Frauen, inklusive der Pianistin und Arrangeurin Amalia Escobar. Es war ein langer Weg für die Argentinierin. Ursprünglich war sie nach Berlin gekommen, um ihre klassische Ausbildung zu vervollständigen und fand dort schließlich ihre argentinische Identität und den Tango wieder. Sie kehrte in ihre Heimat zurück, um ihre Träume zur Erneuerung des Tangos zu verwirklichen. Rückblickend sagt sie: „Dort (in Deutschland, Anm.d.Üs.) sind alle mehr als ‚gechippt‘: sie brauchen Absätze und Röcke! Was ist los mit dieser lauten Musik? Und noch dazu von Dummköpfen gesungen! Als mir das wie Schuppen von den Augen fiel, wusste ich, wofür ich kämpfen wollte! Ich begann Tangos zu singen!

Arriva erinnert sich an die ersten Gesangsstunden mit ihrer tangoaffinen Gesangspädagogin: „Es sagte mir nichts, ‚Naranjo en flor‘ zu singen, und wenn ich mir die Texte der traditionellen Tangos anschaute, dachte ich: es kann doch nicht wahr sein, daß die Jungs solche Dinge über die Frauen sagen, und daß so etwas immer noch auf den Milongas konsumiert wird! In all den Jahren hat sich nichts getan?? Warum müssen wir uns das immer noch anhören?“

Erst indigniert und dann neugierig begann sie zu forschen: „Ich fing an, mir die neuen Bands besser anzuhören, und – klar! – das war eine andere Welt. Ich fand eine Wirklichkeit vor und eine Struktur, die ich aufbrechen wollte. Kaum hatte ich – mit Heimweh im Herzen und mit dem Leben als Sängerin hadernd – meine inneren Differenzen mit der klassischen Musik überwunden, es satthabend, in fremden Sprachen singen zu müssen; da sang ich diese neuen Tangos und verstand, daß es dort Geschichten gab, in denen ich mich spiegeln konnte, auf der Suche nach mehr feministischeren Tangos.“

Warum bist Du zurückgekehrt nach Argentinien?


CA: Weil es mir auf die Eierstöcke ging. Das Wesen der Menschen ist sehr anders. Deutschland hat mir wunderbare Dinge geschenkt: den Tango, den ich vor meiner Reise nach Europa nicht gesungen habe; meine sehr ausgeprägte argentinische Identität. Es hat meine feministische Seite geweckt, als Frau, als Sängerin, es bildete mich in einer Menge Dinge weiter. Auf bodenständiger Ebene war es nicht das argentinische Schnitzel, das Weißbrotsandwich oder den Fernet, denn ich vermisst hätte. Es war mehr die Beschwernis, herunterzugehen und nicht mit der Bäckerin sprechen zu können. Du bist fünf Jahre da, und sie korrigieren Dich immer noch, wenn Du die falschen Artikel verwendest und deshalb kein Brot gekauft bekommst. Es ist keine Gesellschaft, die Dich auf- und annimmt. Man endet in den Ghettos, in Milongas. Ich habe eine Cumbia gehört und bin durchgedreht.

Dann kommt der Augenblick, wo Du auch wirtschaftlich nicht die Stabilität erreichst, die emotionale Defizite kompensieren könnte. Nun bin ich hier (in Argentinien, Anm.d.Üs.) und schaffe es auch nicht bis zum Monatsende, nun gut… ich denke an „Mujeres 3“ und möchte zurück (nach Deutschland, Anm.d.Üs.), dort war es wirklich einfach, eine Platte aufzunehmen. In Europa ist es jedoch schwer, eine weibliche Bandoneonspielerin zu finden. Ich habe eine Liste mit 20, ihre Verfügbarkeit ist jedoch gering. Ich hätte keine Band, sondern nur eingeladene, wechselnde Spielerinnen. Die haben dann unerfüllbare Ansprüche, sodaß es menschlich unmöglich ist, eine Gemeinschaft zu bilden. Ich bin überzeugt, daß es zum Musizieren eine menschlichen Gemeinschaft benötigt und nicht nur Gastmusiker. Ich muss mich bequem fühlen, da muss Horizontalität sein. Hier (in Argentinien, Anm.d..Üs.) spielt man, um zu spielen und der Rest ist Durchhalten!!

Nun bist Du zu zurückgekehrt nach Argentinien, mit Lust auf Veränderungen!

CA: Ja, dennoch bin ich neu im Tango. Ich fühle, daß ich anecke mit meinem Erneuerungsgeist, und daß ich manchmal Rückzieher machen muss, da es sich mehr um meine persönliche Geschichte handelt. Die ganze Zeit über bin ich in Kontakt mit anderen hiesigen Sängerinnen und frage mich, wer bin ich überhaupt, um hier ‚aufzuräumen‘! Das kommt daher, daß ich aus einer anderen Branche komme.

Was hast Du für Dein Album „Mujeres 2“ aus Deinem neuen Repertoire ausgewählt?

CA: Aus dem 21.Jh. nahmen wir ‚Yo soy‘ von Marisa Vázquez, die unglaublich ist. Als ich das Lied hörte, dachte ich zuerst „Sie redet von mir!“ und dann „Ah, sie spricht von allen Frauen!“. Der ist mein Dauerbrenner. Ähnlich erging es mir mit Claudia Levys ‚Me dijeron‘, ein sehr hartes Thema über Gender-Gewalt. In 20 Jahren ist es vielleicht aus der Mode darüber zu singen. Hoffentlich. ‚Iluminame por favor‘ spricht über das mansplaining angewendet auf den Tango. Das ist etwas, das bei meinen ersten Tänzen passiert ist. Es nützte mir als Werkzeug für die Männer aus meiner Umgebung. Ich erwähnte das Thema, vor einem jungen Mann, um etwas Unerwünschtes erklären zu wollen, und er hatte innegehalten. Da fühle ich mich plötzlich als „Montessori“! Nun ja, auch Nathy Peluso finde ich wichtig (argentinisch-spanische Rapperin, Anm.d.Üs).

Du hast eine Coverversion von Nathy Peluso und Gilda im Tangostil gemacht.


CA: Ja, ich weiß nicht, ob es das beste Rezept ist. Um den Stil urbaner zu gestalten, haben wir bei beiden Coverversionen Schlagzeuge eingefügt. Diesen Rhythmusmix finde ich stark. Ich schließe nicht aus, daß wir bei der nächsten Platte eine Live-Version verwenden, die mehr Drive hat, und wo plötzlich ein Bandoneon auftaucht oder noch mehr Cumbia, und dahinter steht unsere Band, mit Amalia (Escobar, ihre Arrangeurin, Anm.d.Üs.) und dem Electropiano von Pablo Lescano. Ich fühle, daß ich experimentieren und daß ich ein bißchen mehr die Camila herauslassen muss, nicht die Tanguera, weil ich nicht 100% Tanguera bin. Ich bin ein Mädel, das Divididos (Argentinische Rockband, Anm.d.Üs.) hört, ganz viel Cumbia, oft Nathy Peluso und feministische Lieder. Ich verkaufe kein Produkt, das nicht mit dem zu tun hat, was ich zuhause höre.

Der Originaltext erschien zuerst in der argentinischen Zeitschrift Pagina12.
Übersetzung von Dr. Stela Popescu-Böttger

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