Tecnotango: Milonga trifft Rave

11
Natalia Fures - DJ Furia - Foto: Ruben PIneda
Natalia Fures - DJ Furia - Foto: Ruben PIneda

Natalia Fures und die Schnittstelle zwischen traditionellem Tango und Technokultur

Im Kosmos des zeitgenössischen Tangos gibt es Projekte, die mit der Tradition in Dialog treten – und andere, die sie bewusst herausfordern. Tecnotango, geschaffen von der argentinischen Tänzerin und DJ Natalia Fures (DJ Furia), geht einen anderen Weg: Es geht nicht darum, den Tango zu „elektronisieren“, sondern seine Stimmen in das Territorium der Rave zu überführen.

Das Ergebnis ist eine performative und immersive Erfahrung, in der Tanzfläche, Körper, Gemeinschaft und Erinnerung in Echtzeit miteinander in Dialog treten.

Tecnotango findet am Freitag, den 6. und 13. März, jeweils um 19 Uhr im Centro Cultural Paco Urondo (25 de Mayo 201, CABA) statt und etabliert sich als eine der originellsten Veranstaltungen des zeitgenössischen Tango in Buenos Aires.

Das Programm umfasst ein DJ-Set, eine offene Tanzfläche, eine Produktmesse sowie eigens gestaltete Visuals für ein Projekt, das Tradition und Futurismus miteinander verbindet.

In diesem Interview für Tango21.info spricht Natalia Fures über:

  • die Parallelen zwischen Milongueros und Ravern
  • die queere und politische Dimension beider Szenen
  • ihre bewusste ästhetische Abgrenzung vom Electrotango
  • den kreativen Prozess hinter Tecnotango
  • und die Resonanz des deutschen Publikums, wo Neo-Tango und Clubkultur seit Jahrzehnten koexistieren

Tecnotango will den klassischen Tango weder verändern noch mit ihm brechen. Vielmehr entsteht eine Collage der Zeiten: Vergangenheit und Zukunft im Dialog auf derselben Tanzfläche. Wie Fures sagt, handelt es sich um einen „Informationsaustausch“ zwischen kulturellen Nischen.


Im Folgenden das vollständige Interview.


Rave-Kultur und Milonga: Codes, Rituale und Gemeinschaft

Was haben Milonga und Rave gemeinsam?

Das Universum der Rave hat seine eigene Tradition, seine Codes und Rituale. Welche Elemente hast du dort entdeckt, die dich an die Kultur der porteñischen Milonga erinnert haben?

Ich habe viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Zunächst einmal die Erkenntnis, dass die Tanzfläche von ihren Anhängerinnen bewohnt und verteidigt wird: Milongueros oder Raver. Das sind Menschen, die sich dort stark definieren. Vielleicht weißt du nichts über ihr Leben außerhalb – aber dort sind sie die Protagonistinnen. Und diese Protagonist*innen erschaffen ihre eigenen Figuren.

Man könnte problemlos eine Parallele zwischen dem „Compadrito“ und dem „Raver“ ziehen.

Auch auf der Tanzfläche gibt es Codes. Bestimmte Arten, sich im Raum zu bewegen, sind akzeptiert, andere werden sofort bemerkt. Wenn man die Codes nicht respektiert, merkt man sofort: Du gehörst nicht dazu, haha.

Sowohl im Tango als auch in der Rave spielt körperlicher Kontakt eine zentrale Rolle. In der Rave sieht man oft Menschen, die sich umarmen oder mit geschlossenen Augen im Kontakt tanzen.

Und dann die Figuren und ihre Kleidungs-Codes: stark inszenierte Personen wie in einer Milonga – Glitzer, Accessoires, Outfits, die definieren, wer du dort bist und welche Figur du an diesem Abend verkörperst.

Mit den Kostümen wollten wir beide Universen widerspiegeln: das futuristische der Technokultur und die Tradition des Tangos. In Tangorave leben verschiedene Figuren, die zwischen Zukunft und Vergangenheit dialogisieren. Die horizontale Zeitmaschine, verkörpert von DJ Furia – eine Art Rave-Pythia, die etwas Wesentliches verstehen muss, das nur in der Vergangenheit existiert – schickt ihre vier Raver auf eine Mission, um mit Tita Merello, dem Polaco Goyeneche und Julián Centeya zu sprechen. Auch die Eleganz des Tangos sollte im Kostüm sichtbar sein – etwa das Netz als zentrales Element eines typischen Frauen-Outfits, hier jedoch auch von Männern getragen.

Tecnotango - Natalia Fures -  Foto: Ruben PIneda
Foto: Ruben Pineda

Tecnotango vs. Electrotango: eine konzeptionelle Differenz

Worin unterscheidet sich Tecnotango vom traditionellen elektronischen Tango?

Du betonst, dass dein Projekt mit dem elektronischen Tango im Dialog steht – fast im Gegensatz dazu. Wo liegt der fundamentale Unterschied?

Ich habe dieses Projekt immer als Weg von der Milonga zur Rave gedacht – nicht umgekehrt. Zunächst interessiert mich, Menschen zu erreichen, die nicht von innen heraus Tango leben. Ich komme selbst aus dieser Welt, bin seit 20 Jahren darin verankert, und denke, dass es viele Aspekte dieser Nische gibt, die man exportieren kann – oder besser gesagt: ein „Informationsaustausch“ in Richtung Clubkultur.

Außerdem folgen die Strukturen meiner Tracks der Struktur elektronischer Tanzmusik – nicht der eines Tangos. Ich habe bewusst auf Bandoneon verzichtet, um mich vom Electrotango zu unterscheiden. Kennzeichnend sind hier die Stimmen des traditionellen Tangos – in einem neuen Kontext.


Offene Tanzfläche: Gemeinschaft vor Spektakel

Die Rolle professioneller Tänzer*innen in einer Tango-Rave

Wie verändert sich die Beziehung zwischen professionellen Tänzer*innen und Publikum auf einer offenen Tanzfläche?

Ich glaube, auf einer offenen Tanzfläche sollte es keinen Unterschied zwischen Profis und Publikum geben. Wir sollten alle Teil desselben Teams sein. Jede*r tanzt, wie er oder sie es fühlt, ohne andere zu stören. Natürlich fällt eine professionelle Tänzerin oder ein professioneller Tänzer durch technische Brillanz auf. Aber es geht nicht darum, sich zu präsentieren, sondern im Kollektiv aufzugehen – zu teilen und füreinander zu sorgen, damit alle eine gute Zeit haben.


Tango, Queerness und die Politik des Körpers

Ist die Rave ein intrinsisch queerer Raum?

Du erwähnst oft die Verbindung zur queeren Rave-Szene. Welche Affinitäten siehst du zwischen Tango und Rave aus dieser Perspektive?

Für mich ist alles, was in einer Rave passiert, zutiefst queer. Zumindest sehe ich das so. Die Technokultur entstand aus den Rändern, sie ist underground, gegenkulturell, protestorientiert – geprägt von Brüchen, von neuen Beziehungsformen, von der Verbindung zum Begehren.

Und in diesem Sinne gibt es viele Parallelen zum Tango. Der Tango ist populär und durchzieht alle sozialen Schichten. Auch der Tango ist queer – und das wird immer sichtbarer. Dank des Tango Queer finden viele junge Menschen Zugang zum Tango. Und durch Tango Queer wird die Tanzsprache offener, komplexer und tiefer. Ein großer Teil dieses Publikums kann dieses Projekt sehr gut verstehen und begleiten.


Tecnotango -  Foto: Ruben PIneda
Foto: Ruben Pineda

Feminismus, Tradition und kulturelle Weitergabe

Ist Tecnotango auch eine Form, Traditionen des Tangos neu zu hinterfragen?

Zunächst einmal verstehe ich mich als Feministin, und alles, was ich im Tango mache, ist davon geprägt. Ich habe meine Rolle im Tango-Ökosystem darin gefunden, Strukturen ein wenig zu bewegen – „ins Wespennest zu stechen“!

Aber ich habe nicht das Bedürfnis, die Struktur des Tangos zu verändern. Es tut mir gut, die Stimmen, die ich verwende, so zu hören, wie sie sind – ohne Effekte oder Eingriffe. Ich liebe es auch, dass es im Stück einen sehr klassischen Bühnentango-Teil gibt. Das hat mit meinen Anfängen als traditionelle Milonguera zu tun.

Ich bin sehr offen für Ideen, aber wenn ich auf der Tanzfläche bin, liebe ich es, klassischen Tango im Arm zu tanzen. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, mich nicht mit etwas anlegen zu müssen. Alles ist gut, wie es ist – ich spiele nur mit verschiedenen Bedeutungsebenen und Zeiten. Ich mische kleine Dinge… wie ein*e DJ 😉



Ein Teil von mir liebt den klassischen Tango – als Tänzerin und DJ – und möchte ihn weitertragen. Vielleicht kann jemand dadurch irgendwann zu Troilo finden. Ich möchte nichts verändern. Mich bewegt es, etwas Altes, scheinbar Starres mit etwas Gegenwärtigem zu verbinden. Eine Collage der Zeiten: Zukunft und Vergangenheit.

Tradition hat heute einen schlechten Ruf. Aber Tradition bedeutet „weitergeben“. Und dieses Wissen wird sich nie auf dieselbe Weise weitergeben – es ist immer in Bewegung.

 Natalia Fures - Tencotango -Foto: Juan Duaca
Foro: Juan Duaca

Der kreative Prozess hinter Tecnotango

Der „Eureka“-Moment

Erinnerst du dich an den Moment, in dem du dachtest: „Das ist Tecnotango“?

Ja, klar. Ich war zu Hause und spielte mit meinem Controller, mixte elektronische Musik, und plötzlich sah ich „Café Domínguez“ in meiner Tango-Bibliothek. Ich dachte: Mal sehen, wie das klingt. Ich war überrascht, wie gut dieses Rezitativ funktionierte – ich bekam eine Gänsehaut, wie ein „Eureka“-Moment. Ich postete ein Video – und es hatte eine enorme Resonanz. Kolleg*innen schrieben mir, dass sie so etwas schon lange hören wollten. Einige sagten sogar: „Das musst du patentieren!“

Außerdem hatte sich diese Idee schon länger in mir aufgebaut. In elektronischen Partys fühlte ich eine gewisse Identitätslosigkeit, wenn ich nur englische Vocals hörte. Mir fehlte etwas in meiner eigenen Sprache.


Musik, Visuals und Performance: interdisziplinärer Dialog

Wenn eine starke Idee und ein klares Konzept vorhanden sind, ergänzt sich alles. Die Tänzerinnen unterstützen die Musik, geben dem DJ-Set Sinn und betonen die Tangosprache. Die Choreografinnen vermitteln die Ideen des Tangorave-Universums in den Körpern. Die Visuals wurden speziell für jeden Track entwickelt – mit Bildern aus dem Conventillo, verfremdeten Filmszenen von Tita Merello. Schon im Artwork verzerren wir ikonische Tangofiguren – ein typisches Stilmittel der Rave-Grafik. Die visuelle Ebene bringt den futuristischen Aspekt ins Stück. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, meine Ideen mit einem großartigen Team wirklich umsetzen zu können.

 Natalia Fures - Tencotango -Foto: Juan Duaca
Foto: Juan Duaca

Tecnotango in Deutschland: Berlin und der kulturelle Dialog

Tango und Techno im Austausch


Deutschland ist eines der historischen Epizentren des Techno. Was bedeutet es, Tecnotango in diesen Kontext zu bringen?

Es motiviert mich sehr. Letztes Jahr präsentierten wir das Projekt in Berlin beim Festival Colors of Tango im Tangoloft, mit einem Team von Tänzer*innen, die dort leben. Es war unglaublich inspirierend. Gleichzeitig fühlte ich mich ein wenig „gewagt“ – ich habe großen Respekt vor dem deutschen Techno. Ich möchte mehr Zeit dort verbringen, um ihn besser zu verstehen. Deshalb plane ich, mehrere Monate in Berlin zu verbringen und meine DJ-Seite weiterzuentwickeln.

In Deutschland empfinde ich den Sound als tiefer, hypnotischer, ernster. In Argentinien ist er eher spielerisch, explosiv. Wir machen unsere eigene Anpassung des Techno – und sie ihre eigene Version des Tangos.


Neo-Tango und deutsches Publikum

Hat das deutsche Publikum einen anderen Zugang zu diesem Crossover?

Sicher. In Deutschland ist eine starke Neo-Tango-Bewegung entstanden – teilweise durch den Einfluss des Techno. Außerdem ist die Kultur dort vielleicht offener für das Exotische, fürs Experimentieren und Kreieren.


Zukunft: vom Club zum Festival

Wohin könnte sich dieses Projekt entwickeln?

Ich bin sehr bodenständig und denke nicht immer groß. Aber ich würde mir wünschen, dass Tecnotango große Clubs erreicht – dafür ist es konzipiert. Elektronik-Festivals, Weltmusik-Festivals, weitere Tango-Festivals. Vor allem aber wünsche ich mir, dass es populär wird und Menschen an den Tango heranführt, die ihn bisher nicht kennen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein