Ein Schuss in der Nacht 2: exzellente Doku über den Tango von heute

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Wer etwas über den Tango von heute wissen will, sollte diesen Film anschauen! „Un Disparo en la noche 2“ ist der  rasante Film des argentinischen Filmemachers Alejandro Diez über die Dynamik des Tango Siglo XXI. „Sextetos, Cuartetos, Orquestas… heute gibt es sehr viel Bewegung im Tango“, sagt der Moderator zu Beginn des Films und die Fahrt beginnt über eine Spielfilmlänge. Als roter Faden dient die filmische Dokumentation der CD-Aufnahme „Un Disparo en la noche 2“ des Orquesta Tipica Julian Peralta.

Filmemacher und Regisseur Alejandro Diez hat die Fulminanz des neuen Tango, die sich durch fast alle Arrangements von Peralta auf der CD zieht, filmisch spannend umgesetzt. Juan Seren, der bekannte Tangodichter und -musiker schrieb die Texte und das Drehbuch und führte zahlreiche Interviews mit Kollegen, fachkundigen Journalisten und Passanten. Die Beobachtungen und Gefühle, die der Film transportiert, kommen sowohl von außen, d.h. von den Kritikern und Passanten wie auch von Innen, aus der Tangoszene selbst. Seren sagte uns kürzlich zusammenfassend: „Der Film ist eine brennend intensive Chronik des Tango Nuevo, die seinen Kontext zeigt und wichtiges Liedgut zusammenfasst, welches den Tango in dieser Epoche bereichert hat.“
Regisseur Alejandro Diez ist für diesen Film beim Montgomery International Film Festival, einem renommierten Treffen der Independent Filmszene in den USA, mit der Auszeichnung „Best Director“ 2019 geehrt worden.

Filmemacher Alejandro Diez


Das Musikprojekt des Orquesta Julian Peralta selbst ist eine  musikalische Dokumentation des zeitgenössischen Tango, weil neben eigenem Material von Peralta prägende Stücke des Genres wie etwa „Milonga del Borde“, „Cinco Nombres“, „Tendal“, oder „Aire Sin Final“ mit aufgenommen wurden. Weiterhin werden alle Stücke von bekannten Gastsängern interpretiert, die den Sound des aktuellen Tango wesentlich beeinflussen. Zusammen mit der vier Jahre vorher entstandenen CD „Un Disparo en la noche“ hat Peralta mit seinem Oqrquesta eine kleine  „Who is Who“ – Tondukumentation des heutigen Tango bezogen auf die ausgewählten Stücke und SängerInnen geschaffen. Beide CDs klingen dank der Arrangements wie aus einem Guß und haben einen orchestralen Sound, selbst wenn das Original nur mit Gitarren gespielt wurde. Von der Entstehung der älteren CD gibt es übrigens ebenfalls eine filmische Dokumentation, die aber stärker auf den eintägigen Musikmarathon der Aufnahme und die beteiligten Musiker fokussiert als der hier besprochene Film. Dieser ältere Film hat auch keine deutschen Untertitel.

Weit über die Dokumentation der Musikaufnahme hinausgehend, wird uns in „Un Dispao en la noche 2“ eine kursorische Reise durch die Geschichte des Tango im XXI Jahrhundert geboten. Dies geschieht vor allem durch Interviews, die der bekannte Tangodichter und -musiker Juan Seren mit repräsentativen Protagonisten des Tango von heute führt, wie z.B. mit Dolores Solá, Victoria di Raimondo, Alejandro Guyot, Walter „Chino“ Laborde, Hernán „Cucuza“ Castiello, Miguel Suárez und Julián Peralta. Es sind Interviews auf Augenhöhe, frei von Eitelkeiten und Starallüren. Sie bieten teilweise sehr persönliche und lebendige Blicke auf die Entwicklung des Genres im 21. Jahrhundert.

Dolores Solá beispielsweise, die mit ihrem Partner Acho Estol als „La Chicana“ seit Mitte der 90er Jahre zu den ersten Vertretern eines neuen Tango gehört, erzählt : „ Wir wussten gar nicht genau, was wir machten, wir wollten etwas Neues probieren.“ „La Chicana“ war auf der Suche nach Ausdrucksformen jenseits des Mainstreams kommerzialisierter Musik und der Tango war ein authentischer Ausgangspunkt. Auf der CD ist Dolores Solá als Sängerin des ersten, tonsetzenden Stücks „Anagrama“ (Julián Peralta/Juan Seren) zu hören.

Juan Seren (li) und Julián Peralta (re) – Foto: Tandas Nuevas

 
Die Interviews finden zum großen Teil bei Rundgängen durch verschiedene Barrios von Buenos Aires statt, z.B. durch Mataderos, das Viehhandels- und Schlachthofviertel am Rande der Stadt. Black Rodriguez Méndez singt den letzten eindrucksvollen Track der CD „Mataderos“ und greift ein Thema auf, welches in vielen Tangos präsent ist, das Stadtviertel als Heimat oder als sich verändernde Lebensumwelt.

Die Interview – Rundgänge zeigen die reale Umwelt, in der der Tango von heute oft kaum bekannt ist, in der er historisch aber präsent war und viele Texter inspirierte. Der „Farolito“ (alte Straßenlaterne) verblasst, die Billigmärkte mit Überangebot von Waren stehen im Vordergrund, und auf die Frage an mehr oder weniger junge Passanten nach dem Tango von heute kommen als Antworten: Gibt es den überhaupt? Tango ist etwas für die Alten. Gardel, oder? Es scheint, als hätten die jüngeren Menschen bis hin zu den Mittvierzigern der Stadt ihren Tango vergessen.  

Eindrucksvoll sind auch die Gespräche mit Rodolfo Mederos, heute noch einer der wichtigsten Bandoneonvirtuosen und -lehrer. Er doziert, dass der Tango bereits alles gegeben habe. Man solle von ihm nichts mehr erwarten – als populäre Musik spiele Tango keine Rolle mehr. Es ist vorbei, so sein Tenor.
Am Schluss der Dokumentation wird ihm einiges von der Dokumentation auf dem Tablet vorgespielt. Sichtlich nachdenklich und zurückgenommen revidiert er sich … ein wenig: „Julián Peralta ist eine sehr intelligente Person. Er hat bei mir studiert und macht sehr gute Musik. Aber was ich sonst gehört habe, ist drittklassig.“

Andere renommierte Kritiker, die im Film zu Wort kommen, sehen die heute aktive Tangoszene mit ihren eigenen Kreationen als Revolution oder den möglichen Beginn einer neuen Epoca d`Oro, mindestens aber als Beleg für die Widerstandsfähigkeit und Verwurzelung des Tango. 

Der Film hat eine bei einmaligem Schauen kaum zu fassende Informationsfülle. Er bildet keine umfassende Dokumentation des Tango von heute ab, mit seinen vielen Stilrichtungen. Auch ist Tango als Tanz kein Thema. Und doch schafft er eine große Nähe zur Musikszene – wir sind mittendrin. Ich habe ihn mehrfach angeschaut und sehe jedes Mal Neues. Schnelle, moderne Schnittfolgen wechseln sich mit längeren Spaziergängen über verlassene Gleise ab. Momentaufnahmen aus dem Tonstudio mit Musik werden herübergezogen zu Stadtrundgängen und Interviews. Der Film ist temporeich, spannend und informativ – wie der Tango von heute selbst.

Zu sehen ist der Film „Un Disparo en la noche 2“ in kompletter Länge auf Youtube. Die deutschen Untertitel können mit dem Button „Einstellungen“ rechts unten in der Youtube -Aufgabenleiste für den Film ausgewählt werden.

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